6.6 ZWISCHEN KUNSTRASEN UND KOMBI-TICKET

Schon mal die Fußballschuhe mit Regenwasser geputzt? Es braucht auch die kleinen Dinge, um in Summe große Auswirkungen zu erzielen.



Auch der Fußball und die 6,5 Millionen aktiven und passiven Kicker*innen in Deutschland beeinflussen die Umwelt und das Klima. Sei es durch den Schadstoffausstoß bei Fahrten zum Auswärtsspiel, den Energieverbrauch durch Flutlicht, die Bewässerung des Rasens, die Müllentsorgung nach einem Heimspieltag oder Mikroplastik auf Kunstrasenplätzen.

NEUE LEITUNG DER AG UMWELT

Der DFB ist sich seiner dadurch entstehenden gesellschaftlichen Verantwortung und Vorbildfunktion bewusst. Nie war diese Rolle wichtiger als heute. Zum Zeitpunkt des Sportentwicklungsberichts 2015/2016 war der Umweltschutz noch kein Top-Thema in den Vereinen. Inzwischen dominieren Themen wie Elektromobilität, CO2-Steuer und Rekord-Hitzewellen den gesellschaftlichen Diskurs. Eine Entwicklung, der sich auch der Fußball nicht entziehen kann – und will.

Seit 2016 leitet die ehemalige Nationalspielerin und zweifache Weltmeisterin Sonja Fuss die AG Umwelt beim DFB. „Mein Ziel ist es, dass sich die Querschnittsaufgabe Umwelt im Denken und Handeln innerhalb des Fußballs noch stärker etabliert. Umwelt darf kein Randthema bleiben, das man „auch“ macht. Dafür ist der Fußball als Freiluftsportart zu sehr von einer intakten Umwelt abhängig. Aktuelle Entwicklungen wie die „Fridays for Future“-Bewegung zeigen: Die Jugend hat die Zeichen der Zeit erkannt und ist bereit, sich für die zukunftsfähige Gestaltung unserer Welt einzusetzen. Dieses Potenzial gilt es auch für den Umwelt- und Klimaschutz im Fußball zu nutzen.“

DIENSTLEISTER IN UMWELTFRAGEN

Dabei ist auch die Zusammenarbeit mit öffentlichen Stellen von großer Bedeutung: Sportstätten liegen häufig in kommunaler Hand, Vereine sind Mieter. Entsprechende bauliche Veränderungen oder die Installation sparsamer Technik sind den Vereinen deshalb häufig nicht möglich. Gleichzeitig gilt umgekehrt, dass sich ein umweltfreundliches Verhalten der Vereine nicht immer durch beispielsweise geringere Nutzungsbeiträge auszahlt. Der DFB übernimmt in diesem Sinne die politische Interessenvertretung des Fußballs in umweltrelevanten Fragestellungen und sieht sich als Dienstleister für die Vereine.

Die Website DFB.de ist dabei ein zentrales Medium zur Information der Regional- und Landesverbände sowie der Vereine – auch wenn es in den Verbänden häufig noch an ausgewiesenen Ansprechpartner*innen und aktiven Helfer*innen für diesen Bereich fehlt. Die weitere Sensibilisierung und die Unterstützung beim Aufbau von Strukturen sind zentrale Anliegen des DFB.

Konkret geben die entwickelten Faktenchecks und Leitfäden Hilfestellungen: 2017 veröffentlichte der DFB in neuer Auflage das Kompendium Sportplatzbau & Erhaltung. Zudem liegen seit 2017 der Faktencheck „Getränkebecher im Stadion“ mit der zentralen Fragestellung „Mehrweg oder Einweg?“ sowie die Leitlinien zum integrierten Pflanzenschutz für eine zielgerichtete und nachhaltige Pflege von Fußballrasen vor.

MIKROPLASTIK AUS KUNSTRASENSPIELFELDERN

Von besonderer Relevanz, sowohl für die Umwelt als auch für den Fußball, ist die aktuelle Diskussion über den Austrag von Kunststoffgranulat aus Kunstrasenplätzen in die Umwelt. Aufgrund der intensiven Nutzungsmöglichkeiten leisten Kunstrasenplätze einen wichtigen Beitrag, um ein umfangreiches Sportangebot insbesondere in Großstädten und Ballungsgebieten anzubieten. Gleichzeitig weiß jeder, der schon einmal auf einem Kunstrasenplatz gespielt hat, dass das verfüllte Granulat über Schuhe und Kleidung aus dem Spielfeld ausgetragen wird. Hinzu kommen Pflegemaßnahmen oder Wind und Wetter, die einen zusätzlichen Granulataustrag verursachen. 

Ausgehend von der Diskussion über die Umweltbelastungen durch Plastikmüll in den Ozeanen und den Bemühungen, den Eintrag von Kunststoffen in die Umwelt zu reduzieren, stellt sich auch die Frage, welche Rolle die in Kunstrasenplätzen verwendeten Materialien spielen. Auf Ebene der Europäischen Union gibt es konkrete Überlegungen, die Verwendung des zur Verfüllung genutzten Kunststoffgranulats ganz zu unterbinden. Ein solches Verwendungsverbot hätte auch für die rund 5.000 Kunstrasenplätze in Deutschland weitreichende Konsequenzen.  

Seit Mai 2019 engagiert sich der DFB daher gemeinsam mit dem DOSB in einer Arbeitsgruppe, die sich intensiv mit der Problematik beschäftigt. Hierbei gilt es, einen Zielkonflikt zwischen Umweltschutz und Fußballbetrieb zu lösen. Durch die Arbeit der AG sollen sowohl die Datenlage über die Art und den Umfang der Kunstrasenplätze verbessert als auch praktische Empfehlungen für Vereine zur Eindämmung des Austrags erarbeitet und mögliche alternative Füllstoffe bewertet werden. 

KLIMASCHUTZ UND -KOMPENSATIONEN

Zukunftsweisend ist das Nachhaltigkeitskonzept zur EURO 2024 in Deutschland. Dieses gemeinsam mit vielen Stakeholdern erarbeitete Dokument legte der DFB zusätzlich zu den geforderten Bewerbungsunterlagen 2018 der UEFA vor und unterstrich damit auch sein Engagement im Umwelt- und Klimaschutz. Herausragend sind die im Nachhaltigkeitskonzept dargestellten 24 innovativen Leuchtturmprojekte.

Ein Bestandteil ist das Kombi-Ticket Plus zur konsequenten Förderung ökologisch vorteilhafter Verkehrsmittel zur An- und Abreise zum Spiel. Mit der Ausweitung des etablierten Kombi-Tickets würden nicht nur die kostenfreie Nutzung des Nahverkehrs am Spielort für die Fans möglich gemacht, sondern auch attraktive Angebote für Fernfahrten nach Deutschland und zwischen den Spielorten mit Bus und Bahn geschaffen werden.


NACHSPIELZEIT

Was haben von Leroy Sané signierte Laptop-Taschen und das Länderspiel der Männer-Nationalmannschaft 2017 gegen Weltmeister Frankreich in Köln gemeinsam? Bridge&Tunnel! Das Hamburger Unternehmen hat das Bannermaterial zum Stadionbranding in Abstimmung mit dem DFB upgecycelt und daraus die Laptop-Taschen produziert. Versehen mit der Sané-Unterschrift verloste der DFB im April 2019 zehn solcher Exemplare über seine Social-Media-Kanäle.

Entstanden sind die Unikate in Hamburg-Wilhelmsburg. Dort fertigt das Fair Fashion Label Bridge&Tunnel seit 2016 hochwertige Designprodukte und bringt dabei Geflüchtete sowie gesellschaftlich benachteiligte Menschen in Arbeit, die aus unterschiedlichen Gründen auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht unterkommen. Die Produkte entstehen aus recycelten Textilien oder Produktionsüberschüssen. Das Team um die Gründerinnen Hanna Charlotte Erhorn und Constanze Klotz ist international aufgestellt – wie eine Fußball-Mannschaft: Die Mitarbeiter*innen kommen aus der Türkei, Afghanistan, Indien, Nigeria, Russland und Deutschland.

Und weil Laptop-Taschen allein noch nicht das Branding-Material aus einem ganzen Fußballstadion auffangen können, hat Bridge&Tunnel in Kooperation mit dem DFB die Upcycling-Kollektion „Nachspielzeit“ entworfen. Damit können die Banner-Abfälle des DFB in den textilen Kreislauf zurückgeführt und nachhaltig verwertet werden. Auch für Fans ergibt sich so eine ganz neue Möglichkeit: Können sie doch künftig guten Gewissens „ein Stück Spiel“ mit nach Hause nehmen, sei es als Waschbeutel, als Gymbag oder als Schuhbeutel.