„ICH WÜRDE IMMER WIEDER SO HANDELN“

Lukas Bohnert bewies Courage, als es darauf ankam. „Rückblickend bin ich froh, dass ich es gemacht habe“, sagt der Kreisligafußballer des südbadischen Traditionsvereins VfR Achern. Für sein entschlossenes Auftreten hat der Deutsche Fußball-Bund Bohnert mit der Fair Play-Medaille in der Kategorie „Sonderpreis“ ausgezeichnet.


Was war geschehen? Im Mai 2018 empfingen Lukas Bohnert und sein Klub die Spielgemeinschaft SG Lauf/Obersasbach zum Abstiegsduell. Achern ging in Führung, den Gästen gelang in der 53. Minute der Ausgleich. Als Schiedsrichter Julian Jung abpfiff, war die Punkteteilung besiegelt. Kreisliga-Alltag – für den Unparteiischen indes nicht.

Der nämlich hatte nach dem Foulspiel eines Mitspielers von Bohnert Gelb gezückt. Als sich der Verwarnte auch in der zweiten Halbzeit nach fast jedem Pfiff lauthals beschwerte, zog der Schiedsrichter eine rote Linie. „Es ist gut jetzt“, sagte Jung. Klar. Unmissverständlich. Deeskalierend. Es folgte jedoch die nächste – sagen wir mal – kritische Bemerkung. Jung schrieb in seinem Spielbericht:  „Ich hatte keine andere Wahl, als ihn vom Platz zu stellen.“

Mit Spielende begann für den Schiedsrichter dann ein Spießrutenlauf. Ein Freund des vom Platz gestellten Spielers kam ohne Anklopfen in die Schirikabine und drohte „Dich kriege ich noch“. Nachdem Jung sein Geld abgeholt hatte, warteten dieser Bekannte und der Spieler am Tor auf ihn. Julian Jung wurde geschubst, am Kragen gepackt und gegen das Metalltor gestoßen. Dann schritt Lukas Bohnert beherzt ein. Ihm war es zu verdanken, dass Jung schließlich doch noch unversehrt nach Hause fuhr. Bohnert und Acherns damaliger Vorstand Thomas Hohgräbe brachten Jung sicher zu seinem Auto.

Ein wichtiger Moment, ein vorbildliches Handeln. Festzuhalten bleibt aber auch: Der VfR Achern ist ein vorbildlich geführter Klub und sicher alles andere als ein „heißes Pflaster“. Acherns Sportvorstand Carlo Fusaro sagt unmissverständlich: „Der gesperrte Spieler ist seitdem nicht mehr aktiv, ist aber bis heute Vereinsmitglied und schaut oft bei unseren Heimspielen zu. Wir haben also Konsequenzen gezogen, aber möchten ihm mehr als ein Jahr später irgendwann doch den Weg zurück ermöglichen. Ganz klar ist aber auch, der Schiedsrichter war absolut im Recht und jedes übergriffige Verhalten gegen einen Schiedsrichter ist nicht okay.“

Obwohl reißerische Schlagzeilen manchmal das Gefühl aufkommen lassen, das Klima sei rauher geworden, Abstiegsängste oder ein wachsender Leistungsdruck entlüden sich zunehmend auf den Fußballplätzen: Die Zahlen geben das nicht her. Das Lagebild des Amateurfußballs belegt, dass die Anzahl der Spielabbrüche, der Gewalthandlungen und Diskriminierungsvorfälle seit Jahren auf niedrigem Niveau bleiben. Aus Sicht der Schiedsrichter*innen kann die DFB-Statistik nicht restlos beruhigen. Denn die Unparteiischen werden prozentual betrachtet am häufigsten angegriffen. In der Saison 2017/2018 wurden als Geschädigte eines Gewalt- oder Diskriminierungsfalls genannt: 3.635 Spieler*innen, 2.866 Schieds­rich­ter*in­nen, 438 Fans und 421 Be­treuer*innen. „Die Belastung der Schiedsrichter*innen ist enorm“, sagt denn auch Björn Fecker. „Insbesondere wenn man sich vor Augen führt, dass sie Spiele gerade im Amateurbereich oftmals alleine leiten, Spieler gibt es in der Regel hingegen mehr als zwei Dutzend.“ Der 41 Jahre alte Präsident des Bremer Fußball-Verbandes leitet beim DFB die Kommission für Gesellschaftliche Verantwortung. „Die Unparteiischen sind die mit Abstand größte Geschädigtengruppe.“

Und die nicht zu leugnende Gewalt gegen Schiedsrichter*innen ist sicher auch ein Faktor, wenn es darum geht, Nachwuchs zu rekrutieren. 2005 noch waren 78.370 Schiedsrichter*innen im Einsatz. In der Saison 2017/2018 waren es nur noch 57.420.

DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann sagt unmissverständlich: „Gewalt gegen Schiedsrichter*innen, Spieler*innen oder wen auch immer, ist absolut inakzeptabel. Gegen jeden Täter muss konsequent gehandelt und im Schuldfall streng geurteilt werden.“

Lukas Bohnert jedenfalls hat mit seinem Einschreiten bewiesen, dass jeder Verantwortung übernehmen kann. Bis heute sagt er: „Ich würde immer wieder so handeln.“