6.5 KEIN SIEG UM JEDEN PREIS

Eine vom Trainer korrigierte Elfmeter-Entscheidung, Hilfe für eine verletzte Gegenspielerin oder das Beruhigen von Spielern und Fans des eigenen Vereins bei aufkommenden Aggressionen auf und neben den Plätzen: Woche für Woche lebt die Fußballgemeinschaft in Deutschland „Fair Play“. Meinungsumfragen belegen, dass die Vermittlung von Fair Play als eine der wichtigsten Aufgaben des DFB bewertet wird. Da es auch auf Fußballplätzen immer wieder zu zum Teil massiven Gewalt- und Diskriminierungsvorfällen kommt, engagiert sich der DFB verstärkt in den Bereichen Prävention und Intervention.


Der Deutsche Fußball-Bund und seine Regional- und Landesverbände bekennen sich zu ihrer Verantwortung zur langfristigen Sicherung des Fußballspiels – in der Spitze wie in der Breite. Das faire Spiel aber ist ein Stützpfeiler. Der DFB nutzt seine gesellschaftliche Strahlkraft und sensibilisiert immer wieder für den Wert der Fairness: von den Aktiven, Trainer*innen, Vereinsvertreter*innen über die Funk­tio­när*innen, Schiedsrichter*innen bis zu den Fans und von den Bambinis bis zu den Ü-Mannschaften.

Unterstützt durch die von Prof. Dr. Gunter A. Pilz geleitete Arbeitsgruppe „Fair Play und Gewaltprävention“, setzt sich der Verband dafür ein, Fair Play im Profi- und Amateurfußball weiter zu stärken sowie Gewalt- und Diskriminierungsvorfällen vorzubeugen. Mit dem Ziel, den respektvollen Umgang miteinander auszubauen und die Chancen­gleichheit zu wahren.

Das Engagement fußt auf dem 2014 entwickelten, ganzheitlichen Gewaltpräventionskonzept „Fair ist mehr“ des DFB sowie seiner Regional- und Landesverbände. Dabei nimmt der DFB vor allem Jugendliche sowie zunehmend auch Betroffene in den Blick. Im Fokus stehen die drei Bausteine:
• Prävention
• Früherkennung
• Intervention

KONTINUIERLICHES LAGEBILD ZU GEWALT- UND DISKRIMINIERUNGSVORFÄLLEN

Zur Umsetzung des Gewaltpräventionskonzepts „Fair ist mehr“ benötigt der DFB belastbare Daten, die den Umfang und die Intensität von Gewaltvorfällen im Amateurfußball belegen. Hierfür erhebt der Verband seit der Saison 2014/2015 kontinuierlich ein bundesweites Lagebild. Mit dem DFBnet Spielbericht setzt der DFB ein Instrument ein, das durch den bundesweiten Einsatz eine flächendeckende, wöchentlich aktualisierte Datenlage sicherstellt. „Wir wissen heute besser, was sich auf den Fußballplätzen ereignet, als noch vor vier Jahren“, sagt der 1. DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch. „Es war eine gute Entscheidung, jährlich diese Erhebung zu erstellen. Die Erfahrung zeigt uns aber auch, dass wir zwar auf einem guten Weg sind, allerdings noch alle Beteiligten Hausaufgaben zu machen haben.“ Der DFB hat es sich zum Ziel gesetzt, die Schiedsrichter*innen stärker zu sensibilisieren und zu schulen, um sie vom Mehrwert eines bis ins Detail aussagekräftigen Lagebilds zu überzeugen.

In der Saison 2017/2018 fanden mehr als 1,5 Millionen Fußballspiele in Deutschland statt. 85,4 Prozent oder in Zahlen 1.318.741 Spiele konnten über die Spielberichte der Unparteiischen erfasst und ausgewertet werden. 0,05 Prozent (667) der Spiele wurden wegen eines Gewalt- oder Diskriminierungsvorfalls abgebrochen. Bei 0,31 Prozent (4.087) der Spiele kam es zu einer Gewalthandlung, bei 0,21 Prozent (2.768) der Spiele zu einer Diskriminierung. Prozentual entsprechen alle drei Werte den Zahlen des Vorjahres und der Saison 2018/2019.

In der Saison 2017/2018 kam es zu 2.866 Angriffen auf Schiedsrichter*innen. Ronny Zimmermann, DFB-Vizepräsident Schiedsrichter, sagt dazu: „Gewalt gegen Schiedsrichter, Spieler oder wen auch immer ist absolut inakzeptabel. Gegen jeden Täter muss konsequent gehandelt und im Schuldfall streng geurteilt werden. Und wir dürfen nicht nachlassen, gemeinsam mit Vereinen, Landesverbänden und Kreisen darüber nachzudenken, wie wir unsere Schiedsrichter noch besser schützen können.“

Aktuell führt der DFB eine bundesweite Umfrage der Schiedsrichter-Obleute und Schiedsrichter-Lehrwarte durch, um besser zu verstehen, wie man Schiedsrichter*innen gerade in den unteren Klassen noch besser schützen kann. „Der bessere Schutz unserer mehr als 57.000 Schiedsrichter*innen gehört zu den wichtigen Aufgaben des DFB und seiner Landesverbände. Auch mit Blick darauf, dass wir mehr Schiedsrichter*innen ausbilden müssen und gleichzeitig die aktuellen Unparteiischen schützen und motivieren, ihrem Hobby treu zu bleiben, wenn wir auch zukünftig den Spielbetrieb reibungslos abwickeln wollen“, sagt der Vorsitzende des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses Helmut Geyer.

DAS GEWALTPRÄVENTIONS-KONZEPT „FAIR IST MEHR“

Über die drei folgenden Bausteine festigt der DFB das Konzept „Fair ist mehr“ im Kern des Amateurfußballs:
• Baustein #1 „Aktiv Fair Play & Gewaltprävention fördern“
• Baustein #2 „Gewalt im Fußball früh erkennen & entgegenwirken“
• Baustein #3 „Gewalt(vorfälle) bearbeiten“

BAUSTEIN #1: „AKTIV FAIR PLAY & GEWALTPRÄVENTION FÖRDERN“: 

Auszeichnung von Fair Play-Gesten
Bereits seit 1997 verleiht der DFB jährlich die „Fair Play-Medaille“ und zeichnet damit besonders faire Spieler*innen, Mannschaften sowie Funktionär*innen aus. Die Initiative trägt dazu bei, dass faires Verhalten nicht als erfolgshemmendes Element des Spiels gesehen wird.

Fairness wird vielfältig gelebt und geht weit über die Entschuldigung nach einem Foulspiel hinaus. Die Fair Play-Gesten können entweder beim DFB oder beim jeweiligen zuständigen Landesverband gemeldet werden. Um jeder einzelnen Fair Play-Geste Bedeutung zu verleihen, werden alle eingegangenen Meldungen mit einer Urkunde und einem Geschenk belohnt. Neben den Amateur*innen wird jährlich auch ein*e Spieler*in oder Trainer*in aus dem Profibereich ausgezeichnet. Zu den Geehrten zählen etwa Niko Kovač, Miroslav Klose und Jupp Heynckes.

Die Landesverbände wählen aus allen eingegangenen Meldungen die Fair Play-Geste des Monats aus. Nach Saisonende küren die 21 Landesverbände jeweils ihre*n Jahressieger*in. Diese sind gleichzeitig auch die Nominierten für den Wettbewerb auf Bundes-Ebene. Der*die Bundessieger*in auf Amateur-Ebene wird schließlich durch eine DFB-Jury ausgewählt und im Rahmen einer Ehrung, zu der alle 21 Landessieger*innen eingeladen werden, mit der „Fair Play-Medaille“ ausgezeichnet. 2018 wurden in den Landesverbänden insgesamt 749 Fair Play-Gesten gemeldet. Im Berichtszeitraum (Saison 2016/2017, 2017/2018 und 2018/2019) gingen durchschnittlich 700 Meldungen ein. Die Qualität der gemeldeten Gesten zeigt dabei meist höherwertiges Fair Play-Verhalten auf.

Fair Play-Tage
Seit 2015 richtet der Deutsche Fußball-Bund einmal im Jahr bundesweit die Fair Play-Tage aus. Gemeinsam mit den Landesverbänden werden auch die Mitgliedsvereine zur Beteiligung animiert. Die Fair Play-Tage stehen jedes Jahr unter einem anderen Motto. 2018 wurden explizit die Eltern im Kinderfußball angesprochen. Unter dem Motto „Fair bleiben, liebe Eltern!“ hat der DFB mit Expert*innen aus den Landesverbänden fünf Tipps für ein faires Verhalten am Spielfeldrand entwickelt. Die Slogans stehen auf einer grünen Karte.

Die Fair Play-Tage 2018 umfassten zwei Spieltags-Wochenenden Mitte September. Der DFB und seine Landesverbände riefen dabei alle Bambini, F-Junior*innen und einige E-Junior*innen dazu auf, an einem der beiden Spieltage anlässlich der Fair Play-Tage den eigenen Eltern oder anderen Zuschauer*innen vor dem Spiel die Fair Play-Karte zu zeigen. Mehr als 250.00 Fair Play-Karten und 22.000 passende Plakate wurden über die Jugendob-leute und Fair Play-Beauftragten der Landesverbände im Juli 2018 an die Staffelleiter*innen versandt. Darüber hinaus wurden 30.000 Flyer „Fair bleiben, liebe Eltern“ verteilt.

Fair Play-Liga
Seit der Saison 2014/2015 stellen alle Landesverbände sukzessive den regulären Spielbetrieb in der G- und F-Jugend auf die Fair Play-Liga um. Für die Saison 2017/2018 legte der DFB allgemeinverbindliche Regelungen fest. Über den DFB-Bundestag 2016 wurde die Fair Play-Liga 2018 dann bundesweit flächendeckend etabliert. Im selben Jahr erstellte der DFB unterstützende Begleitmaterialien und leitete diese an die Landesverbände weiter.

BAUSTEIN #2: „GEWALT IM FUSSBALL FRÜH ERKENNEN & ENTGEGENWIRKEN“

Sicherheit verbessern
Mit Beginn der Saison 2016/2017 hat der DFB für die Vereine Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Sicherheit im Amateurfußball erarbeitet. Das Ziel: Vereinen Hilfestellungen mit auf den Weg zu geben, um gewalttätige und diskriminierende Vorfälle in ihrem Zuständigkeitsbereich möglichst zu verhindern. Daraus ist im April 2018 der „Leitfaden Sicherheit im Amateurfußball“ entstanden. Der Leitfaden ist an die Landesverbände gesandt worden, die ihn den zuständigen Mitarbeiter*innen und über ihre Homepage allen Interessierten zur Verfügung stellen. Die regelmäßig stattfindenden Tagungen der LV-Sicherheitsbeauftragten sollen nunmehr auch dazu dienen, den Leitfaden kontinuierlich weiterzuentwickeln, um den Bedarfen der LV und deren Vereinen gerecht zu werden.

BAUSTEIN #3: „GEWALT(VORFÄLLE) BEARBEITEN“

Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Gewalt- und Diskriminierungsvorfällen
Die überwiegende Mehrheit an Vorfällen bei Fußballspielen findet über den Sonderbericht im Online-Spielbericht ihren Weg direkt zu den Sportgerichten, wird dort verhandelt und abgeurteilt. Doch auch über andere Kanäle erlangen Sportgerichte und Verantwortliche in den Landesverbänden Kenntnis über teilweise gravierende Fälle.

Um die vielen bereits bestehenden und bewährten Interventionsmaßnahmen allen Landesverbänden transparent zu machen und zur Verfügung zu stellen, entwickelte eine Pilotprojektgruppe aus Vertreter*innen der Landesverbände und des DFB bis Oktober 2018 Handlungsempfehlungen. Das Ziel: einen Beitrag zur Vereinheitlichung der Verfahrensweisen bei Gewalt- und Diskriminierungsvorfällen zu leisten. An diesen Empfehlungen kann sich jeder einzelne Landesverband bedienen und individuell auf seine Bedürfnisse zuschneiden.

Unter Wahrung der Autonomie der Landesverbände und deren Sportgerichtsbarkeit formulieren die Sportgerichte dabei auch Mindeststandards bezüglich der Auflagenmöglichkeiten und -nutzung. Das Bestreben ist es, Täter möglichst nicht aus dem Verein/Verband auszuschließen, sondern mit entsprechenden Interventionsmaßnahmen und (Bewährungs-)Auflagen zu einer Einstellungs- und Verhaltensänderung zu bewegen. Schwerpunkte der Handlungsempfehlungen sind die Vereinheitlichung, zumindest Annäherung dessen, was in den einzelnen Landesverbänden unter einem „Gewalt“- und „Diskriminierungs“-Vorfall verstanden wird, deren Meldeverfahren, Bearbeitung, Dokumentation und Nachbereitung sowie Hinweise auf erforderliche nützliche Konfliktmanager*innen und Kooperationen.

Derzeit entstehen in den 21 Landesverbänden zentrale Anlaufstellen mit Ansprechpartner*innen für Gewalt- und Diskriminierungsvorfälle. Ein jährlich bundesweites Netzwerktreffen mit Fortbildungsangeboten sowie ein „Runder Tisch“ mit Verantwortlichen aus der Sportgerichtsbarkeit, Schiedsrichter*innen, Staffelleiter*innen, Kreisvorsitzenden und Geschäftsführer*innen sind in Planung.