PADERBORNER BLECHTROMMEL



„So hohe Schuhe aus Leder, wie heißt denn das auf Deutsch?“

„Stiefel.“

„Genau. Die mussten den ganzen Tag in Stiefeln rumlaufen. Zehn, zwölf Stunden. Die haben denen schwere Sachen in den Rucksack gepackt. Wer nicht mehr konnte, wurde erschossen.“

Mohamad ist 16 Jahre alt und spielt Fußball für die B-Junioren des SC Aleviten Paderborn. Als er 13 Jahre alt war, floh seine Familie aus dem nordsyrischen Qamischli. Mohamad ist einer von 14 jungen Fußballern des Vereins, die im April 2018 das Konzentrationslager Sachsenhausen besuchten.

Tharig war damals erst 13 Jahre alt. Doch Tharig ist älter, härter, als es Kinder in seinem Alter sein sollten. Ohne seine Eltern, nur von seinem Cousin begleitet, floh er aus dem Irak nach Deutschland. Wir sitzen im Büro des Vereinsvorsitzenden Verani Kartum und Tharig erzählt. Er ist ein wacher, blitzgescheiter Junge.

„Ich erinnere mich an die Inschrift ,Arbeit macht frei‘ am Eingangstor. Die wurden aus ihren Wohnungen abgeführt und in Züge gesperrt. Im Lager hat man den Juden dann gesagt, dass jetzt alle duschen gehen müssen.“

„Wege der Erinnerung“ heißt das Projekt, mit dem der Kreisligaklub deutsche Geschichte vermittelt. 600 Mitglieder hat der ostwestfälische Verein, der eine betont sozialpädagogische Ausrichtung pflegt und in seinem Engagement durch die DFB-Stiftung Egidius Braun und die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration unterstützt wurde. „Wir stehen ein für sozial benachteiligte Menschen“, sagt der 49-jährige Kartum. „Wenn ich mal einen nicht mehr aufnehmen kann, höre ich auf. In unserem Verein ist das Boot nie zu voll.“

Vor der Abreise besprach man den historischen Kontext. Nationalsozialismus, Antisemitismus, Holocaust – viele erfuhren zum ersten Mal davon. In Oranienburg wohnte man mit einer polnischen Schulklasse aus Dębica zusammen, gemeinsam besuchte man die Gedenkstätte. Man erkundete die Biografien einiger Lagerinsassen. Martin Niemöller, Jurek Becker, Gerhard Löwenthal, Peter Suhrkamp und kurz auch Georg Elser waren hier interniert. Man sprach miteinander, und wieder daheim berichteten die Jugendlichen auf einer Abendveranstaltung den Eltern und anderen Vereinsmitgliedern.

Mohamad erzählte von der Schuhprüfstrecke, über die die KZ-Insassen oft 40 Kilometer am Tag marschieren mussten, um so das Sohlenmaterial zu testen.

Seitdem denkt der in Syrien geborene Junge über vieles anders. Israel galt in seiner Heimat als Feind. Heute sagt er: „Juden sind auch Menschen. Alle müssen daran arbeiten, dass wir Konflikte friedlich lösen.“ Vor der Reise habe er immer gedacht, die Juden hätten doch wegrennen können. „Jetzt weiß ich, wie es da war.“ Mohamad sagt auch: „So viele Männer sind gefallen oder waren lange in Gefangenschaft. Ich habe verstanden, dass die Frauen Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut haben.“

Schon Oskar Matzerath hat sich unter der Tribüne versteckt und mit seiner Blechtrommel die Nazi-Parade ins Stolpern gebracht. Wie Meinungs- und Pressefreiheit, individuelle Freiheiten, die Gleichheit der Geschlechter und kulturelle Vielfalt gestaltet sind, das hat in Deutschland auch eine ganze Menge mit den Erfahrungen aus der Zeit der NS-Diktatur zu tun. Aber wie vermittelt man diese geschichtliche Lehre in einer zunehmend kulturell diversifizierten Gesellschaft? Auf diese komplizierte Frage haben Kartum und sein Verein eine überzeugende Antwort gegeben.

Ein Jahr lebte Tharig beim Onkel, dann durften seine Eltern nachziehen. Ihm gefalle es sehr gut in Deutschland, besonders das Fußballtraining. „Es gibt keinen Krieg hier und jeder hat einen freien Willen“, sagt Tharig. Und was wolle er? „Polizist werden, denn Gerechtigkeit ist wichtig.“