SONNTAG, 15 UHR …

… bei GW Mühlen: ein Verein, der hier für die 24.742 im DFB organisierten Vereine steht.


13:40 Uhr. Ein Sonntag im Mai 2019. Der wie immer von Rentner Josef Kühling hergerichtete Fußballplatz des SV Grün-Weiß Mühlen liegt noch verwaist. Der Rasen ist gemäht, die Linien gewissenhaft gezogen. Um 15 Uhr soll hier, im Münsterlandstadion des 2.500-Einwohner-Dorfes im Landkreis Vechta, der Ball rollen. Mühlen, mit drei Punkten Polster auf einen Nicht-Abstiegsplatz, trifft in der niedersächsischen Fußball-Landesliga Weser-Ems der Herren auf den SC Melle 03. Beide Teams schielen ängstlich in Richtung Tabellenkeller.

„Ja, heute gilt’s“, sagt Elsbeth Rolfes bedeutungsschwer und doch lächelnd, als sie mit zwei Kassen unter dem Arm das Stadion betritt. Die 40-Jährige engagiert sich seit neun Jahren ehrenamtlich als Kassenführerin im Vorstand des Vereins (1.142 Mitglieder). Eigentlich wollte sie heute in den Zoo, sagt sie. Mit Fußball hatte sie früher nichts am Hut. Bis sie ein Bekannter überredet, aktiv zu werden. „Man stellte mir ein Dutzend dicke Ordner auf den Tisch. Wie in einem kleinen Unternehmen“, erzählt sie. „Manchmal ist es viel, kostet es Nerven. Aber es macht auch unheimlich Spaß.“

14:15 Uhr. Mühlens Vereinsvorsitzender Ralf Kröger hat das Schiedsrichtergespann zum Kaffee ins renovierungsbedürftige Sportlerheim geladen. „Eine nette Geste“, findet der Unparteiische Felix Heuer. „Es zeigt, dass wir respektiert werden. Das ist nicht überall so.“ Gerade bei solchen Partien wie heute könne es auf und neben dem Platz schon mal heiß hergehen, weiß er. So ein Dorfverein wie Mühlen bündelt große Gefühle. Für den 31-Jährigen vom TuS Heidkrug kein Problem. „Ich gehe unvoreingenommen in jedes Spiel“, sagt der beim Niedersächsischen Fußballverband tätige Kreis-Schiedsrichter-Lehrwart. „Ich weiß, dass schon mal ein Spruch von den Fans kommen kann. Aber besser so, als wenn nur zehn am Rand stehen und gelangweilt ihren Kaffee schlürfen.“

Wenn das Spiel erst mal läuft, wird in Mühlen selten Kaffee geschlürft. „Bei uns steht das ganze Dorf hinter dem Verein. Wir halten zusammen“, erzählt Ralf Kröger stolz. Er selbst war Spieler und Kapitän der I. Herren sowie Jugendtrainer. Inzwischen spielt sein jüngster Sohn Robert in der I. Herren. Ralf Krögers Herz schlägt grün-weiß, so wie bei vielen hier.

Ehrenamtliches Engagement, sagt er, werde in Mühlen vielfältig gelebt. Der Chef eines Familienbetriebes macht es selbst vor – und hat täglich etwas mit dem Verein um die Ohren. „Das Wir steht bei uns über dem Ich. Diese Haltung versuchen wir mit verschiedenen Aktionen zu stärken“, so Kröger. Und doch, ergänzt er, werde es nicht leichter, Leute zu finden, die sich engagieren. „Das gilt auch für uns.“

Die lebendige, familiäre Vereinskultur in Mühlen lockt auch Spieler aus umliegenden Vereinen. Wie Nico Files. Der 26 Jahre alte Offensivspieler aus Diepholz könnte durchaus höher spielen. Files jedoch schloss sich den Grün-Weißen an. „Ich kannte damals niemanden, war aber in kurzer Zeit mittendrin. Die Jungs, wir alle leben Fußball“, sagt er.

15:00 Uhr. Felix Heuer pfeift das Spiel an. Die Meller beginnen stark. Immer wieder setzen sie die Mühlener unter Druck. Und belohnen sich in der 32. Minute mit dem 1:0. Kurz vor der Pause erhöhen die Gäste sogar auf 2:0. Im grün-weißen Fanblock wird es still. Ratlosigkeit macht sich breit.

Zeit für einen Pausenkaffee im Sportlerheim. Fanta-Kuchen, Schwarzwälder Kirschtorte, Erdbeerboden: Die Kuchentheke ist vorbereitet. Dank Birgit Nieuwenhuizen und Heike Haskamp. Gemeinsam mit sechs weiteren Frauen organisieren sie zu den Heimspielen die Cafeteria. „Die Gäste sagen, wir hätten den besten Kuchen der Liga“, sagt Birgit Nieuwenhuizen lachend. Ihr Engagement: eine Selbstverständlichkeit. „Ich bin in Mühlen groß geworden, unsere drei Kinder machen hier Sport, mein Mann ist im Vorstand. Das ist kein Akt.“

Auch Jugendliche sind in die Vereins- und Jugendarbeit eingebunden. Der 16-jährige Max Rolfes und sein Bruder Jan etwa grillen sonntags Bratwürste und verkaufen Süßes. Eine Aufgabe, die sie von Renate Timphus geerbt haben. 45 Jahre lang hat sie im Verein geholfen: Trikots gewaschen, Kabinen geputzt, die Vereinschronik gepflegt. „Jetzt sind die Jüngeren dran“, sagt sie und eilt in den Fanblock. Daumen drücken.

Das Mühlener Team hat es nötig. Der Live-Ticker auf der DFB-Seite www.fussball.de besagt, dass die anderen Teams in der Gefahrenzone vorne liegen. Mühlen aktuell auf einem Abstiegsplatz …

Die 70. Minute. GWM ist am Drücker. Patrick Hinxlage bringt den Ball scharf vor das Meller Tor. Markus Stuckenborg ist zur Stelle und köpft ein. 74. Minute. Der 1:2-Anschlusstreffer.
Der 2018 durch den GWM-Förderverein finanzierte Soccercourt ist jetzt wie leer gefegt. Lautstark feuern Hugo Krogmann und die anderen D-Jugend-Kids ihre Vorbilder auf dem Platz an. „Bundesliga-Profi werden? Fragen Sie mal die Jungs hier, was die wollen. In zehn Jahren für Mühlen spielen. Das wollen die“, sagt Ralf Kröger, der sich derweil aus dem Pulk der 350 Fans zurückgezogen hat und allein hinter dem Meller Tor steht. Das Spiel: kurz vor Schluss auf des Messers Schneide.

88. Minute. Eckball Grün-Weiß Mühlen. Der Mühlener Youngster Jonas Pöhlking bringt den Ball auf die hintere Strafraum-Ecke. Dort steht Nico Files: Seitfallzieher – Ausgleich! Die Spieler liegen sich in den Armen. Ralf Kröger trommelt vor Freude mit der Faust gegen die Bande.

16:45 Uhr. Abpfiff.  Und Aufatmen bei Grün-Weiß. Auch die Gäste aus Melle sind am Ende mit dem Remis einverstanden. „Es war ein gerechtes Unentschieden. Man hat gesehen, welche Emotionen so ein Spiel auslöst. Das hier macht den Amateurfußball in Deutschland doch erst aus“, sagt Melles Trainer Roland Twyrdy.

Die Entscheidung im Kampf gegen den Abstieg, sie ist vorerst vertagt. Ab nächste Woche heißt es dann wieder: Sonntag, 15 Uhr. Für Mühlen. Für Melle. Für Zehntausende Vereine in ganz Deutschland. Und für die vielen Menschen, die dem Fußball sein ganz unverwechselbares Gesicht verleihen.