TALENTE – SICHTEN, FORDERN, FÖRDERN

Thilo Kehrer, Svenja Huth oder Manuel Neuer – sie alle haben den Weg in die deutsche Nationalmannschaft über die Talentförderung des Deutschen Fußball-Bundes gefunden. Diese bietet jungen Fußball-Talenten in den unterschiedlichen Entwicklungsverläufen vielfältige und umfassende Ausbildungsmöglichkeiten.



Das flächendeckende System der Talentförderung von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen und von Aachen bis Görlitz profitiert von der Kooperation zwischen den Vereinen an der Basis, den Landesverbänden, der DFL und dem DFB. Im Jahr 2019 sichtete der DFB mithilfe seiner rund 1.280 Stützpunkttrainer*innen insgesamt 650.000 Spieler*innen. Die Förderung basiert auf einer ganzheitlichen, sport- und werteorientierten Ausbildung in drei Stufen: das DFB-Talentförderprogramm, die Leistungszentren der Bundes- bis Regionalligisten sowie die Eliteschulen des Fußballs.

Rund 2.112.000 Millionen Jungen (bis 18 Jahren) und Mädchen (bis 16 Jahren) in Deutschland spielen laut DFB-Mitgliederstatistik 2019 in einem Verein Fußball. Das sind rund 55.000 Kinder und Jugendliche weniger als noch 2018. Der DFB erhofft sich – ähnlich wie nach der WM 2006 – einen positiven Effekt von der EURO 2024. 

Das engmaschige Fördersystem des Verbandes soll die Talente auf einem möglichen Weg von ihren Vereinen in Klubs im Lizenz- und höherklassigen Amateurfußball oder in die DFB-Teams bestmöglich unterstützen.

ERFOLGREICHE KOOPERATION VON DER BASIS BIS ZUR SPITZE

Grundstein für den Erfolg der deutschen Nachwuchssichtung ist die Zusammenarbeit zwischen den Vereinen an der Basis, den Landesverbänden, der DFL und des DFB. Sorgfältige Abstimmungsprozesse sollen dafür sorgen, dass kaum ein Talent verloren geht.

Das DFB-System bietet allen Entwicklungstypen – vom Früh- bis zum Spätentwickler – einen individuellen professionellen Ausbildungsweg. Spätentwickler haben die Chance, durch das heimatnahe Stützpunktsystem von einer zusätzlichen Förderung zu profitieren und sich in ihrem gewohnten Umfeld zu entwickeln. Frühentwickler werden etwa in den Leistungszentren bestmöglich gefördert. Darin unterscheidet sich das deutsche Talentfördersystem von dem anderer europäischer Nationalverbände. Und das zahlt sich aus: Die Anzahl an deutschen Spieler*innen in den Bundesligen ist laut einer Studie des „International Centre for Sports Studies“ mit mehr als 50 % im Vergleich zu anderen europäischen Ligen hoch.

Stufe 1: Das Talentförderprogramm
Die Förderung des DFB für Jungen und Mädchen ab elf Jahren basiert auf drei Stufen. 2018 durchliefen etwa 14.000 Kinder im Alter von elf bis 14 Jahren das Talentförderprogramm und wurden dabei von rund 1.280 lizenzierten Honorartrainer*innen zunächst gesichtet, dann begleitet und unterstützt.

Dabei verbessern die Mädchen und Jungen nicht nur ihre fußballerischen Fähigkeiten wie Ausdauer, Koordination, Technik oder taktisches Verständnis. Großen Wert legt der DFB auch auf die Schulung werteorientierter und gesellschaftsrelevanter Aspekte wie Fairness, Teamgeist, Disziplin, Leistungsbereitschaft oder Respekt.

Eine zentrale Rolle bei der Organisation der Nachwuchssichtung spielen die 29 hauptamtlichen Stützpunktkoordinator*innen des DFB. Sie sorgen – in enger Abstimmung mit den Landesverbänden – für den Ablauf sowie die Vermittlung einer einheitlichen Ausbildungsphilosophie bis an die Basis. Dazu zählt die Erfassung von Leistungsdaten der gesichteten Talente und deren Übertragung in eine Datenbank. So können Karriereverläufe nachvollzogen, Entwicklungen sichtbar gemacht und notwendige Korrekturen eingeleitet werden. Hinzu kommt eine wissenschaftliche Begleitung des Sichtungsprozesses durch zwei sportmotorische Tests pro Jahr.
 
Weitere Maßnahmen im Berichtszeitraum:
• Informationsabende für Vereinstrainer*-innen unter Leitung der Stützpunkt-trainer*innen zu Entwicklungs- und Fördermöglichkeiten der Talente (jährlich mit rund 9.000 Trainer*innen aus rund 4.500 Vereinen, seit 2002 etwa 270.000 Teilnahmen)
• Aufbau eines geschlossenen Informations- und Kommunikationsportals (für das Talentförderprogramm und Leistungszentren)
• Einführung einer neuen Feedback-Kultur
• Optimierung der Sichtungsstruktur
• Überarbeitung und Verschlankung des
Rahmentrainingsplans
 
Das individuelle Zusatztraining erhöht das sportliche Niveau der Stützpunktspieler*innen. Das System ist somit die Brücke zwischen der Jugendarbeit der Amateurvereine und der zweiten Stufe der Talentförderung: den Leistungszentren des Fußballs.

Stufe 2: Die Leistungszentren
In den aktuell 57 Leistungszentren deutschlandweit finden regionale männliche Spitzentalente mit Lizenzspieler-Perspektive sowie talentierte Mädchen, die an die Bundesliga herangeführt werden sollen, eine systematische Förderung in einem professionellen, zertifizierten Umfeld. Rund 1.000 Spieler*innen pro Jahrgang schaffen den Sprung dorthin und werden nicht nur sportlich, sondern auch pädagogisch-psychologisch und medizinisch eng begleitet. Die nachgewiesenen Qualitätssteigerungen nachrückender Spieler*innen im deutschen Fußball sind das Resultat dieser intensivierten, sportlich optimierten Arbeit der Leistungszentren.
 
Seit 2001 sind die Leistungszentren für die 18 Vereine der Fußball-Bundesliga, seit 2002 auch für die 18 Klubs der 2. Bundesliga verpflichtende Lizenzierungsvoraussetzung. Neben den 36 Lizenzvereinen führen aktuell 21 Vereine der 3. Liga und der Regionalligen sowie die Frauen-Bundesliga-Klubs anerkannte Leistungszentren. Sämtliche Zentren werden im Rahmen eines Qualitätsmanagementprozesses von DFB und DFL regelmäßig geprüft, individuell betreut, begleitet und unterstützt.

400 hauptamtliche und 500 nebenamtliche Trainer*innen betreuen dort insgesamt 10.000 Mädchen und Jungen in den Altersklassen U 12 bis U 23 (Stand: Juli 2019). Um die Ausbildungsqualität übergreifend zu sichern und zu verbessern, veranstaltet der DFB für die Trainer*innen jeder Altersstufe in den Stützpunkten und Leistungszentren 14 bis 16 Fortbildungen pro Jahr. Seit 2017 nahmen rund 2.500 Teilnehmer*innen die Fortbildungen wahr. 

Im Frauen- und Mädchenfußball liegt ein besonderer Fokus auf einer weiteren Optimierung der Zusammenarbeit im Verbund zwischen DFB, Landesverbänden, Vereinen, Schulen, DOSB, Olympiastützpunkten und Landessportbünden mit folgenden Maßnahmen:
• regelmäßige Vor-Ort-Besuche an den Elitestandorten
• Fortbildungen für Trainer*innen
• Bonussysteme für Vereine der Frauen-Bundesligen und der Landesverbände
• regionale Zielvereinbarungen „Fußball weiblich“ mit den elf dazugehörigen Landesverbänden und der Konzepterstellung eines Steuerungsinstruments
• Nachweise über gezielte Maßnahmen der Talent- und Eliteförderung durch Einreichung und Auswertung der Bonussysteme (Vereine/Verbände)
• Fokus bei dualer Karriereplanung

Stufe 3: Die Eliteschulen
Spitzentalente im Fußball müssen zeit- und belastungsintensive sportliche Anforderungen mit der schulisch-beruflichen Ausbildung koordinieren, um auch jenseits der letztlich unsicheren Fußballkarriere eine chancenreiche Berufsperspektive zu haben. Gerade für die Talentiertesten mit zeitaufwendigen Trainingslagern des Landesverbandes/DFB, Länderspielreisen und einer intensiven Saison in der Junioren-Bundesliga ist dieser Spagat zwischen Schule und Fußball nicht immer leicht zu meistern.

An den 39 Eliteschulen des Fußballs – darunter mit Potsdam und Kamen-Kaiserau auch zwei reine „Eliteschulen des Fußballs für Frauen und Mädchen“ – lernen die Talente, diese Anforderungen zu koordinieren. Jede Eliteschule bildet ein Verbundsystem aus Internat, Schule, Leistungszentrum, Landesverband und Verein.

Die individuelle sportliche Förderung an Eliteschulen des Fußballs hat zum Ziel, für jedes Talent einen optimalen fußballerischen Leistungsaufbau zu erreichen. Diese sportlichen Ziele sind in ein übergreifendes pädagogisches Konzept eingebettet, das gleichzeitig die sozialen, schulischen und beruflichen Qualitäten junger Persönlichkeiten fördern will. In der Saison 2018/2019 waren 865 Spieler*innen in Internaten oder bei Gasteltern untergebracht.

Jedes Verbundsystem gibt einen Jahresbericht an den DFB ab. Im Drei-Jahres-Rhythmus werden alle Standorte besucht und evaluiert, Strukturen fortlaufend angepasst, weiterentwickelt und somit kontinuierlich verbessert.