„HALBHERZIG BRINGT WENIGER ALS NICHTS“

Wenn Thilo Kehrer aufzählt, was er am Stützpunkt und im Leistungszentrum neben dem Fußball erlernt hat, klingt das reif. Die wenigsten 21-Jährigen optimieren ihre Konzentrationsausdauer. Im Sommer 2018 wechselte Kehrer vom FC Schalke 04 zum UEFA Champions League-Teilnehmer Paris Saint-Germain. Frühere Stationen: die TSG Tübingen, der SSV Reutlingen 05, das Leistungszentrum des VfB Stuttgart und mit 15 Jahren der FC Schalke 04. Seit Sommer 2018 ist er A-Nationalspieler.


Herr Kehrer, Sie wurden ab 2012 im Schalker Leistungszentrum ausgebildet – wie zuvor übrigens etwa auch Manuel Neuer, Leroy Sané oder Alexandra Popp. Warum klappt es gerade dort so gut mit der Talent-entwicklung?
Dreimal in der Woche hatten wir ein intensives Fußballtraining, eingetaktet in den normalen Stundenplan. Zusammen mit den vier Einheiten am Nachmittag brachte ich es so auf sieben Trainingseinheiten. Morgens in der kleineren Gruppe fand oft individuelles Training statt. Der Effekt war enorm. Dazu bekommt man bei Schalke einfach sehr gute Leitlinien mit, etwa was Einstellung und Mentalität betrifft. Wenn man ans Training denkt und meint „Vollgas muss heute nicht sein, ich mach mal ein bisschen locker“, dann wird genau das eintreten. Halbherzig bringt weniger als nichts.

Was wird in der „Knappenschmiede“ noch besonders gut gemacht?
Die Wege sind sehr kurz, etwa zwischen Schule und Fußball. Die Schule ist im ständigen Austausch mit den Trainern, die Trainer mit den Eltern – alle sind eng verknüpft. Meine Trainer überzeugten mich total, auch aufgrund ihres Verständnisses für uns Juniorenspieler und ihre Hingabe für den Job des Fußballtrainers. Jeder im Internat bekam die bestmögliche fußballerische und schulische Ausbildung. Auf die Entwicklung der Persönlichkeit wurde großen Wert gelegt.

Ist es schwerer, aus Tübingen den Weg an die Weltspitze zu schaffen als etwa aus Dortmund oder Hamburg?
Das Netz der Talentsichtung ist ziemlich lückenlos. Die Strukturen des DFB sind gut, gerade auch mit dem Netz der Stützpunkte und der Möglichkeit, ab 15 Jahren in einer DFB-Auswahlmannschaft zu spielen. Dazu kommt das Scouting der großen und auch der eher mittelgroßen Vereine. Wer talentiert ist, wird auch gesehen.

Schalkes A-Juniorentrainer ist eine Legende. Wie haben Sie Norbert Elgert erlebt?
Er war immer für mich da. Norbert Elgert hat mir unglaublich wichtige Ratschläge mitgegeben, die man so zwischen 14 und 18 Jahren einfach braucht. Viele erzählen einem, man sei so toll und müsse eigentlich immer spielen. Und dass es schon okay sei, mal locker zu machen. Es gibt eine Million Ablenkungen und auch eine Million vermeintlich gute Gründe, jetzt mal etwas anderes als Fußball zu machen. Aber Norbert Elgert hat uns einfach extrem auf Spur gehalten. Es gibt viele talentierte Spieler, die es nicht schaffen. Ich war damals gerade 15 Jahre, als Elgert mich in der Junioren-Bundesliga zum Kapitän gemacht hat. In dem Alter albert man auch mal rum. Aber mir wurde bewusst, dass Ernsthaftigkeit und Verantwortungsgefühl nötig sind. Ich meine, das gilt genauso für andere Berufe oder wichtige Lebensphasen.

Wie lange dauerte damals Ihr Tag?
Sehr lange. Um halb sieben aufstehen, fertig machen, zur Schule. Vier, fünf Stunden Unterricht. Dann ging‘s mit dem Fahrrad zum Trainingsgelände. In kleiner Gruppe, mit den Trainern. Es folgte individuelles Training, mal technisch, mal taktisch, auch mal Einheiten im Kraftraum. Nach dem Mittagessen im Internat wurde Unterricht nachgeholt. Um 17 Uhr war man wieder auf dem Gelände für die zweite Trainingseinheit des Tages, meistens so bis sieben. Nach dem Abendessen machten wir Hausaufgaben und später saß man halt noch kurz zusammen und hat gequatscht oder PlayStation gespielt.

Gab es Tiefpunkte?
Momente des Zweifels sind ganz normal. Die kennt jeder. Ich habe mir Ziele gesteckt, und wenn ich eins erreicht hatte, stand für mich schon fest, wohin ich jetzt will. Es gibt noch so viele höhere Ziele. Ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich es schon geschafft habe.

Ist das ein Wesensmerkmal aller erfolgreichen Spieler*innen?
Na klar, wenn die Motivation nicht von innen kommt, ist man nach einer Weile irgendwie ausgebrannt. Bei den wirklich großen, erfolgreichen Spielern wird doch zu hundert Prozent deutlich, dass eine unglaubliche Energie von innen herauskommt.

Wie wichtig ist es, das Fußballspielen auf verschiedenen Positionen zu erlernen?
Enorm. Wer die Taktik, die verschiedenen Systeme und positionalen Anforderungen verinnerlicht, den bringt das unglaublich weiter. 

An welcher Schwäche müssen Sie arbeiten?
Erst mal ist es wichtig, immer wieder an den eigenen Stärken zu arbeiten. Aber für mich persönlich ist eins wichtig, da muss ich mich immer wieder fordern, nämlich Konzentrationsausdauer. Lange unter Spannung bleiben, ohne zu verkrampfen.