5.3 ZURÜCK AN DIE WELTSPITZE

Julia Gwinn und Luca Waldschmidt haben es geschafft – sie brachte die Auszeichnung zur besten Nachwuchsspielerin von der FIFA-Frauen WM aus Frankreich, er die Torjägerkanone von der U 21-EM aus Italien mit nach Hause. Beide sind Beispiele für die deutsche Talentförderung und die Durchlässigkeit von den U- zu den A-Teams. Gwinn hatte bereits den Sprung in die Frauen-Nationalmannschaft geschafft, Waldschmidt wurde in der Folge für „Die Mannschaft“ nominiert.


Die deutschen Fußball-Nationalmannschaften der Frauen, Männer und Junior*innen haben eine enorme gesellschaftliche Bedeutung und eine große Anziehungskraft. Auch wenn sportliche Misserfolge im Berichtszeitraum für kritische Töne gesorgt haben, erreichen die DFB-Teams doch nach wie vor hohe Sympathiewerte. Die Spieler*innen sind Botschafter*innen des deutschen Fußballs. Mit ihrem Einsatz für Fairness, Respekt oder auch sozial Benachteiligte wirken sie seit Jahren identitätsstiftend. So sind sie Vorbilder für viele Menschen – über alle Gesellschaftsgruppen hinweg. Das birgt Chancen und Risiken.

Sportlich gesehen will der DFB mit seinen Nationalmannschaften zurück in die Welt-spitze. „Die Distanz ist nicht groß, aber sie ist vorhanden – und nun gilt es, sie zu überwinden. Dafür müssen wir den nächsten mutigen Schritt gehen“, sagt Oliver Bierhoff.

Die Direktion hat sich fünf strategische Ziele gesetzt, die bis zur EURO 2024, der Europameisterschaft im eigenen Land, erreicht werden sollen:
• Spitzenfußball „Made in Germany“
• Campus für Innovation an der DFB-Akademie
• Operative Exzellenz
• Spielfreude im Team
• Wert- und Imagetreiber

Um die sportliche Qualität zu erhöhen und mit den deutschen Teams wieder um die Spitzenplätze zu spielen, nimmt der DFB seit 2019 Themen wie Talentsuche und -entwicklung, Innovationen in der Ausbildung, Förderung der U-Nationalspieler*innen (Persönlichkeit und Kreativität) und das Management der Nationalmannschaften verstärkt in den Fokus. Darüber hinaus hat der DFB ein sportliches Leitbild entwickelt und baut in Frankfurt/Main ein Performance Center zur Leistungsoptimierung seiner Mannschaften auf. Bei der Organisation, Planung und Durchführung von Qualifikations- und Länderspielen sowie Endrundenturnieren will der Verband das hohe Niveau weiter beibehalten.

Gemeinsam in den Mannschaften gelebte Werte werden den Zusammenhalt weiter stärken und eine höhere Identifikation der Spieler*innen mit den Teams schaffen. Neue Impulse gibt bereits jetzt die DFB-Akademie.

NATIONALMANNSCHAFT FRAUEN

Viel hatte sich die deutsche Frauen-Fußball-nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft im Juni/Juli 2019 in Frankreich vorgenommen: den sechsten Einzug in ein WM-Halbfinale (bei acht Turnieren) und das damit verbundene Ticket zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio (als Titelverteidiger). Mit dem Ausscheiden im Viertelfinale gegen Schweden gingen für das Team beide Träume nicht in Erfüllung. „Wir sind in einem Prozess. Aber diese Niederlage tut weh“, sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg nach dem Spiel. Sie löste im Herbst 2018 Interimscoach Horst Hrubesch an der Spitze der Frauen-Nationalmannschaft ab. Hrubesch selbst hatte das Amt nach der Trennung von Steffi Jones im März 2018 nur vorübergehend übernommen.

Mit ihrer fast 50-jährigen Erfolgsgeschichte ist die Frauen-Nationalmannschaft nach wie vor das Aushängeschild des deutschen Frauenfußballs. Die Präsenz des Frauenfußballs und auch die Aufmerksamkeit, das Interesse sowie das sportliche Niveau weiter zu steigern, sind die vorrangigen Ziele des DFB. Die aktuellen Nationalspielerinnen agieren durch ihr selbstbewusstes Auftreten dabei als Vorbilder: Sie stehen für Authentizität und Fan-Nähe, bringen Fußball und berufliche Perspektiven in Einklang, werben für Gleichberechtigung und wehren sich gegen Vorurteile. Dieses Selbstverständnis machten sie im Vorfeld der WM auch noch einmal über den viel beachteten und allein bei YouTube.com mehr als zwei Millionen Mal aufgerufenen Werbespot deutlich.

Mit der Strukturreform des DFB zum 1. Januar 2018 hat der Verband die Direktion Frauen- und Mädchenfußball mit dem Männerfußball verzahnt. Die Frauen-Nationalmannschaft und alle weiblichen U-Teams werden in der Direktion Nationalmannschaften und Akademie, der Oliver Bierhoff vorsteht, organisiert.

Der DFB hat 2018 in Kooperation mit anderen Bereichen innerhalb des Verbandes ein Identitätskonzept erarbeitet. Auf dieser Basis etablierte der Verband zur WM 2019 die Kampagne WIR #IMTEAM.

Zentrale Schwerpunkte:
• Spitzenfußball auf Weltklasseniveau ermöglichen, sportliche Erfolge erzielen
• Frauenfußball erlebbar machen und Attraktivität vorantreiben
• Fan-Nähe und Authentizität beibehalten
• Integration fördern und soziales Engagement stärken
• selbstbewusste, authentische Frauen auf dem Platz und in der Gesellschaft zeigen
• Fußball als Schule für das Leben und als Chance für sozial schwache Familien nutzen

SCHULBESUCHE UND SOZIALES ENGAGEMENT

Bereits seit vielen Jahren sind Schulbesuche der DFB-Frauen fest in den Ablauf der Länderspiele im eigenen Land an den jeweiligen Spielorten verankert. Beispielsweise vor dem Länderspiel in Paderborn gegen Japan im Juli 2019. Die beiden Nationalspielerinnen Carolin Simon und Lina Magull besuchten das Reismann-Gymnasium in Paderborn und übernahmen für 40 Schüler*innen die zweite Schulstunde. Dazu unterstützt die Frauen-Nationalmannschaft die 2018 initiierte DFB-Kampagne #NichtOhneMeineMädels.

Die DFB-Frauen führten im Berichtszeitraum die Zusammenarbeit mit dem Laureus-Projekt „Kicking Girls“ unter der Schirmherrschaft der beiden ehemaligen Nationalspielerinnen Nia Künzer und Birgit Prinz weiter fort. Das bundesweite Projekt fördert sozial benachteiligte Mädchen durch den Fußball. Vor dem WM-Qualifikationsspiel in Osnabrück im Mai 2019 etwa empfingen die DFB-Frauen 50 Fußballmädchen dieses Projektes.

In einem 2019 produzierten Spot werben die beiden Nationalspielerinnen Dzsenifer Marozsán und Svenja Huth sowie die inzwischen nicht mehr in der Nationalelf aktive Simone Laudehr für den Julius Hirsch Preis des DFB. An ihrer Seite: Charlotte Knobloch, Gründungsmitglied der Jury des Julius Hirsch Preises. Gemeinsam rufen sie Aktive und Ehrenamtliche im Fußball dazu auf, mit einer Bewerbung ein Zeichen für Vielfalt und gegen Diskriminierung zu setzen.

NATIONALMANNSCHAFT MÄNNER

Mit dem Erreichen des EM-Halbfinales 2016 und dem Sieg im Confederations Cup 2017 (mit acht für die U 21 spielberechtigten Spielern) setzte die deutsche Nationalmannschaft im Berichtszeitraum die Erfolge aus der Vergangenheit zunächst weiter fort.

Das erstmalige Aus nach der Gruppenphase bei der FIFA WM in Russland und der Abstieg aus der UEFA Nations League A 2018, ein Popularitätsverlust – bedingt auch durch interne und externe Diskussionen wie die Özil-Debatte –, sinkende Zuschauerzahlen, die Distanz zu den Fans oder das individuelle Top-Niveau anderer Nationen veranlassten den DFB in der Folge jedoch dazu, sich neu aufzustellen. Bierhoff: „Andere Fußballnationen haben aufgeholt, sind neugierig und aggressiver.“

Die Schwerpunkte dieses Prozesses:
• Raum für die Weiterentwicklung von Spieler-Persönlichkeiten schaffen
• Teamgeist und Zusammenhalt stärken: gemeinsame Werte leben
• Zuschauerinteresse wecken: Nahbarkeit, Fan-Nähe und Sympathien schaffen
• Zusammenarbeit und Kommunikation mit Vereinen verbessern
• Integration und soziales Engagement fördern

Zur Umsetzung dieser Maßnahmen erarbeitete die Direktion in Kooperation mit weiteren Abteilungen des DFB ein Strategiepapier und ein Kommunikationskonzept für „Die Mannschaft“ sowie das Umfeld der Spieler (Trainer, Landesverbände, Vereine, Förderstrukturen etc.). Zentral für den langfristigen sportlichen Erfolg ist es, den Weg einer hohen Durchlässigkeit und Vernetzung mit den U-Teams beizubehalten.

MEHR FAN-NÄHE

Über verschiedene Aktionen wie offene Trainings, Fandialoge oder Schulbesuche suchte die DFB-Auswahl seit Oktober 2018 noch stärker den Kontakt zu ihren Fans. So besuchten etwa Nationalspieler vor dem Länderspiel gegen Russland im November 2018 eine Schule sowie drei Amateurvereine in der Leipziger Region. Sie tauschten sich mit Kindern und Jugendlichen aus, erfüllten Autogramm- und Fotowünsche. Im Oktober 2018 initiierte der DFB einen Fan-Experten-Dialog mit DFB-Generalsekretär Dr. Friedrich Curtius, Ralf Köttker (stellv. Generalsekretär und Direktor Öffentlichkeit und Fans) und Oliver Bierhoff, der im Mai 2019 wiederholt wurde. Mehr als 20.000 meist jugendliche Fans und Kinder schauten beim öffentlichen Training der A-Nationalmannschaft der Männer am 5. Juni 2019 in Aachen zu.

VERSTÄRKTES SOZIALES ENGAGEMENT

Auch setzte die Nationalmannschaft ihr soziales Engagement fort und besuchte verschiedene karitative Einrichtungen wie das Psychosomatik Klinikum Wolfsburg, das AWO Seniorenpflegeheim „Goethewölfe“ in Wolfsburg, die Kinderkrebsklinik Heidelberg oder auch das Kinderhospiz „Sonnenhof“ Berlin.

Im WM-Trainingslager in Eppan (Südtirol) im Mai 2018 absolvierten die beiden Weltmeister von 2014, Matthias Ginter und Thomas Müller, sowie Teammanager Oliver Bierhoff eine gemeinsame Trainingseinheit mit einer vierköpfigen Delegation der Deutschen Blindenfußball-Nationalmannschaft.             

Auch unterstützte die DFB-Auswahl mehrfach den Verein „Herzenswünsche e. V.“ für schwer erkrankte Kinder und Jugendliche. Mehrere junge Menschen erhielten eine Einladung zu Abschlusstrainings und Spielen der DFB-Elf und freuten sich über Begegnungen mit Nationalspielern wie Leroy Sané oder Antonio Rüdiger. Zum Start der Länderspielwoche im März 2019 startete zudem die Zusammenarbeit zwischen dem DFB und der „Stiftung RTL – Wir helfen Kindern e. V.“. Das Motto: „Der DFB und RTL – Wir helfen Kindern und machen Kinderträume wahr.“         

U-NATIONALMANNSCHAFTEN

„Dein nächster Schritt“, „Teamgeist“, „Zielstrebigkeit“, „Mut“ oder „Leidenschaft“ prangte an den Wänden des Teamhotels in Südtirol im Juni 2019. Diese Attribute dienten als Ansporn und Motivation für die Spieler der deutschen U 21, die sich in der Vorbereitung auf die EM in Italien befand. Dort wollten sie das Olympia-Ticket lösen und erneut den Titel gewinnen. Ersteres gelang, Letzteres durch die Niederlage im Endspiel gegen Spanien indes nicht. 15 Tore in fünf Partien, dazu die zweite Finalteilnahme in Serie: Das Team um U 21-Trainer Stefan Kuntz gab trotzdem auf und außerhalb des Platzes eine positive Visitenkarte für den deutschen Fußball ab.

In seinen sieben Junioren- und vier festen Juniorinnen-Nationalteams zieht der DFB die größten Talente des Landes zusammen, um sie auf höchstem internationalem Spielniveau zu fördern und zu fordern.

ZURÜCK AN DIE WELTSPITZE

Die U-Teams liefern Erfolgsgeschichten. So holte etwa die weibliche U 17 2019 zum siebten Mal den Europameistertitel. Trotzdem gibt es Optimierungsbedarf: Die FIFA U 20-WM 2019 der Männer in Polen fand ohne deutsche Beteiligung statt. Da die U 19-Auswahl die Teilnahme an den Europameisterschaften 2018 verpasst hatte, konnte sich die U 20 für Polen nicht qualifizieren.

Der DFB sieht mit Blick auf andere, derzeit erfolgreichere Nationen Nachholbedarf. Der Anspruch ist es, mit allen Teams künftig wieder um Spitzenpositionen und Titel zu spielen. Die richtigen Maßnahmen für dieses Ziel umzusetzen, ist die Aufgabe der Direktion von Oliver Bierhoff. Vorangetrieben vom Sportlichen Leiter Nationalmannschaften, Joti Chatzialexiou, werden hier Optimierungsansätze in den Bereichen der Trainerentwicklung, den Wettspielformen sowie den Förderstrukturen entwickelt, z. B.:
• innovative Wege im Kinder- und Jugendbereich gehen
• mehr Raum für die Entwicklung von Persönlichkeiten schaffen
• neue Förderstrukturen sowie Spiel- und Wettkampfformen entwickeln
• zur Bolzplatz-Mentalität zurückkehren
• Reform in der Fußball-Lehrer-Ausbildung (Individualisierung, Flexibilisierung, Digitalisierung) umsetzen

Auf diesem Weg wird auch die DFB-Akademie unter der Leitung von Prof. Dr. Tobias Haupt wichtige Impulse liefern. Sie stellt Expert*innen bereit, die die Arbeit mit den jungen Talenten moderner, innovativer und ganzheitlicher gestalten. In Planung für 2019 sind etwa ein Programm zur objektiven Messbarkeit der Spielleistung der U-Teams und zur Stärkung des Mannschaftszusammenhaltes, die Entwicklung einer gemeinsamen Wertebasis zur Persönlichkeitsentwicklung der Talente, ein Mentorenprogramm für Spieler*innen, Trainer*innen und Expert*innen oder auch ein positionsspezifisches Exzellenz-Programm für Stürmer*innen.

EINHEITLICHES DFB-TRAINER-MODELL

Im Bereich der U-Nationalmannschaften besteht seit der Saison 2016/2017 ein einheitliches Trainer-Modell. Im Drei-Jahres-Rhythmus begleiten die U-Coaches den jeweiligen Jahrgang von der U 15 bis zur U 17. Dann übernehmen sie wieder einen neuen U 15-Jahrgang. Gleiches gilt für den Bereich der U 18 bis U 20. Die U 21-Nationalmannschaft ist hiervon ausgenommen. Das Prinzip ermöglicht es den Trainer*innen, ihre jeweilige Mannschaft und den Jahrgang intensiver zu begleiten, zu fördern und weiterzuentwickeln.

Bei der Zusammenstellung der dreiköpfigen Trainer-Teams ist es künftig oberste Maxime, dass es zusammen spezielle Anforderungsprofile abdeckt, die für eine bestmögliche Förderung der Spitzentalente alle unerlässlich sind:
• Erfahrung (als Ex-Lizenz-Spieler)
• Innovation (sportwissenschaftliches Know-how und Kenntnis aktueller Trends)
• Altersspezialist (Talentförderer mit gutem Netzwerk)

Das langfristige Ziel: Möglichst viele junge Spieler*innen auf Top-Niveau auszubilden und sie somit an die A-Nationalmannschaften heranzuführen. Der bereits eingeschlagene Weg einer hohen Durchlässigkeit (Beispiel: Confederations Cup) und der Vernetzung soll beibehalten werden.

SOZIALES ENGAGEMENT FÖRDERN

Neben den sportlichen Zielen unterstützt der DFB die jungen Talente der U-Mannschaften dabei, sich im persönlichen Bereich weiterzuentwickeln. Das Motto: „Fußball als Schule für das Leben“. Werte wie Teamgeist oder Zusammenhalt und Themen wie die Identifikation mit dem Team und soziales Engagement stehen im Fokus und werden über stetige Aktionen und Maßnahmen gefördert. Auch geht es um die Vermittlung von mehr Spaß, Freude und Kreativität, etwa über neue Spielformen.

Die jungen Spieler*innen der U-Mannschaften zeigen bereits ein vielfältiges Engagement im sozialen Bereich. Mit der Aktion #Herzzeigen werden die Junioren beispielsweise seit 2016 an den gesellschaftlichen und sozialen Auftrag des Verbandes herangeführt und bekommen so Einblick und Verständnis in und für soziale Projekte. Die weibliche U 17 des DFB unterstützte im Rahmen des Länderspiels gegen die Niederlande in Duisburg im Dezember 2018 die Aktion „Schule und Fußball gegen Rassismus“ – zusammen mit Serap Güler, Staatssekretärin für Integration im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration Nordrhein-Westfalen.

Dass Sport verbindet, bewies die U 18-Nationalmannschaft am 8. Mai 2018 mit dem „Friedensspiel in Wolgograd“ gegen die russische U 18. Das Spiel stand im Mittelpunkt der deutsch-russischen Fußballwoche im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland – und fand insbesondere zum Gedenken an die Gefallenen in der Schlacht um Stalingrad 75 Jahre zuvor statt.