MARCUS PIOSSEK:

„3. LIGA HAT SICH ZUR MARKE ENTWICKELT“


Er ist eines der Gesichter der 3. Liga: Marcus Piossek vom SV Meppen. Kaum ein anderer, noch in der dritthöchsten deutschen Spielklasse aktiver Profi kennt die Liga besser als er. In der Vita des 30-jährigen Offensivspielers stehen 248 Partien für die U 23 von Borussia Dortmund, Rot Weiss Ahlen, den VfL Osnabrück, den SC Preußen Münster, den SC Paderborn 07, die Sportfreunde Lotte und seinen aktuellen Klub SV Meppen.

Kein Spieler in der 3. Liga hat für mehr als sieben verschiedene Vereine gespielt. Bei der Anzahl der Einsätze haben von den in der Spielklasse noch aktiven Routiniers nur Julian Leist von der SG Sonnenhof Großaspach und Tobias Rühle vom KFC Uerdingen 05 (beide 256) mehr Begegnungen auf dem Buckel.

BEIM ERSTEN EINSATZ 3:1-VORSPRUNG NOCH VERSPIELT

An sein erstes Drittligaspiel kann sich Piossek noch gut erinnern. „Mit Borussia Dortmund II waren wir gerade in die 3. Liga aufgestiegen und lagen im Eröffnungsspiel 2009/2010 beim SV Wacker Burghausen eine Viertelstunde vor dem Spielende 3:1 vorne. Nicht zu fassen, dass wir die Partie noch 3:4 verloren hatten“, sagt der gebürtige Lippstädter. Kein Wunder, dass sich dieses Debüt ins Gedächtnis eingebrannt hat.

In den folgenden 247 Spielen hat Marcus Piossek die positive Entwicklung in der 3. Liga hautnah miterlebt. Beim Blick in den Rückspiegel fallen dem 1,76 Meter großen Offensivspieler spontan zwei große Unterschiede gegenüber seiner Anfangszeit ein. „Die mediale Aufmerksamkeit ist extrem gestiegen. Die 3. Liga hat sich in Deutschland zu einer Marke entwickelt. Jedes Spiel wird von Magenta Sport live übertragen oder ist inzwischen sogar in der Konferenz zu sehen. Auch in den Vereinen wird in allen Bereichen professioneller gearbeitet.“

So verfügt die 3. Liga heute unter anderem über einen Einheitsball. „Vor zehn Jahren wurde noch mit dem gespielt, was der Platzwart aus dem Schrank geholt hat“, sagt Piossek mit einem Grinsen. Danach war es üblich, dass die Gastgeber der Auswärtsmannschaft vorab Bälle zur Verfügung stellten, sodass diese damit daheim trainieren konnten.

FÜR DEUTSCHE UND POLNISCHE AUSWAHLTEAMS AM BALL

Dass Marcus Piossek den Durchbruch in der Bundesliga oder zumindest in der 2. Bundesliga nicht geschafft, sondern sich über die Jahre in der 3. Liga „festgespielt“ hat, ist für ihn karrieremäßig kein Abstieg. Die qualitativen Unterschiede sind aus seiner Sicht „nicht mehr ganz so groß“. Ein weiteres Indiz sei die Vielzahl früherer Zweitligaprofis, die nun in der dritthöchsten Spielklasse am Ball sind. Auch bei den Zuschauerzahlen hat sich die 3. Liga der 2. Bundesliga längst angenähert.

Im Laufe seiner Karriere hat der vor allem beim BVB ausgebildete Piossek, der sowohl für deutsche als auch für polnische Junioren-Nationalmannschaften am Ball war, den Reiz der 3. Liga für sich erkannt. Dass er nun in den Stadien der Traditionsvereine MSV Duisburg, 1. FC Kaiserslautern, Eintracht Braunschweig oder SV Waldhof Mannheim auflaufen darf, erfüllt ihn mit Stolz. „Ich liebe Fußball, weil du die Menschen für 90 Minuten begeistern kannst.“

Dabei hat er bei jedem seiner früheren Vereine auch Stärken und Schwächen ausgemacht. „Nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga mit Rot Weiss Ahlen haben uns die Fans trotz der Insolvenz-Problematik super unterstützt“, erinnert sich Piossek. Beim SC Preußen Münster fühlte er sich pudelwohl, obwohl im Umfeld extrem hohe Ansprüche herrschten. „Sobald wir drei Spiele in Folge gewonnen hatten, sprachen dort alle sofort vom Aufstieg – ging nur eine Partie verloren, änderte sich alles schlagartig.“

Auch seine Zeit beim jetzigen Bundesligisten SC Paderborn 07 will Piossek nicht missen: „Was der Verein besonders infrastrukturell in den vergangenen Jahren aufgebaut hat, ist sensationell. Schon während meiner Zeit arbeiteten wir dort unter Bundesliga-Bedingungen.“

AUCH KEHRSEITEN DES PROFIFUSSBALLS KENNENGELERNT

Aber auch die Kehrseiten eines Profifußballers hat Piossek kennengelernt. Nach seinem Wechsel vom VfL Osnabrück zum „Erzrivalen“ Preußen Münster wurde er bei seiner Rückkehr nach Osnabrück von den VfL-Fans gnadenlos ausgepfiffen. „Es war so laut, mir taten die Ohren weh.“ Nach dem Spiel wurde er auf dem Weg von der Kabine zum Mannschaftsbus von einigen Fans attackiert. „Das war für mich als junger Spieler eine ganz neue Erfahrung.“

Hinzu kamen auch einige schwerwiegende Verletzungen. Ein Schulter- sowie ein Schlüsselbeinbruch setzten ihn jeweils für vier Monate außer Gefecht, nach einem Achillessehnenriss dauerte es ein halbes Jahr bis zum Comeback.

MARKE VON 300 EINSÄTZEN SOLL GEKNACKT WERDEN

Im Großen und Ganzen überwiegen aber die positiven Erlebnisse bei Weitem. Am Bieberer Berg in Offenbach vor mehr als 10.000 Zuschauern zu spielen, war für Piossek beispielsweise etwas ganz Besonderes. Auch eine Aufholjagd bei seinem ersten Einsatz für Preußen Münster ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: „Wir lagen gegen Hansa Rostock zur Halbzeit 1:4 zurück, sind bis auf 3:4 herangekommen und hatten zahlreiche Chancen, um die Partie sogar noch für uns zu entscheiden.“

Dass er mittlerweile einer der erfahrensten Drittligaprofis ist, bedeutet Marcus Piossek sehr viel. „Zugegeben: 248 Erstligaspiele wären mir schon lieber“, gibt er schelmisch zu. „Ich bin aber stolz, dass ich mit 30 Jahren noch Stammspieler in der 3. Liga bin.“ Die Marke von 300 Spielen in der dritthöchsten Spielklasse will er knacken, das ist sein Ziel. „Ich fühle mich körperlich gut und traue mir zu, noch vier, fünf Jahre auf diesem Niveau zu spielen.“ Dann könnte sogar der Drittligarekord von Tim Danneberg (332 Einsätze) noch „wackeln“.