AUF DEM WEG ZU EINEM NACHHALTIGEN TURNIER

Wie es sich für einen historischen Moment gehört, notierten die Chronisten sogar die Uhrzeit: Um exakt 15:21 Uhr zog UEFA-Präsident Aleksander Čeferin am 27. September 2018 in Nyon den Zettel mit der Aufschrift „GERMANY“ aus dem Umschlag und hielt ihn der Fußball-Öffentlichkeit entgegen. Zum zweiten Mal nach 1988 und zum ersten Mal seit der Wieder­vereinigung wird 2024 eine Fußball-Europa­meister­schaft der Männer in Deutschland ausgetragen.


Der DFB hat es sich als Ausrichter zum Ziel gesetzt, ein freudiges Fußballfest mit Gästen aus Europa und aller Welt zu feiern, in dessen Mittelpunkt gemeinsame europäische Werte wie Freiheit, Gleichheit und die Wahrung der Menschenrechte stehen sollen. Das kommt auch im Motto der Bewerbung um die EURO 2024 zum Ausdruck: „UNITED BY FOOTBALL. VEREINT IM HERZEN EUROPAS“. Zugleich möchte der DFB das Turnier nutzen, um mit Maßnahmen vor, während und nach der Veranstaltung den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland zu stärken und einen Beitrag zur Fußballentwicklung in Europa zu leisten.

Ist im Sommer 2020 die Allianz Arena in München noch einziger deutscher Austragungsort der paneuropäischen Europameisterschaft, werden zur UEFA EURO 2024 zehn deutsche Spielorte die 24 teilnehmenden Mannschaften sowie Millionen Fußball-Fans zu 51 Spielen willkommen heißen.

BEWERBUNGSPROZESS

Mit der Vergabe der UEFA EURO 2024 nach Deutschland endete die am 9. Dezember 2016 mit einem Aufruf der UEFA an alle interessierten europäischen Fußballverbände gestartete Bewerbungsphase. Nach der offiziellen Interessenerklärung des DFB am 1. März 2017 an die UEFA hatte ein umfassender Prozess begonnen, der weit über die Bearbeitung der UEFA-Anforderungen hinausging. Der DFB verstand die Bewerbung von Beginn an als Gemeinschaftsprojekt und setzte den gesamten Prozess unter den Maßgaben Transparenz und Beteiligung um.

Transparency International Deutschland mit Sylvia Schenk, der Leiterin der Arbeitsgruppe Sport, war ein wesentlicher und kritisch begleitender Akteur im gesamten Bewerbungsverfahren. Die Nichtregierungsorganisation unterstützte den DFB bei der Erarbeitung der Verhaltensregeln für die Spielorte sowie des Code of Conduct für alle in das Bewerbungsverfahren eingebundenen Personen. „Es ist ein sehr aufwendiges und sehr detailliertes Verfahren gewesen. Es sind unterschiedliche Experten, auch von außerhalb, einbezogen worden. Außerdem hat man alles getan, dass nicht eine Person alleine an irgendeiner Stelle ganz viel beeinflussen kann. Es galt stets das Vier-Augen-Prinzip, sodass immer andere Personen miteinbezogen wurden“, sagt Sylvia Schenk.

VERHALTENSREGELN UND CODE OF CONDUCT

Das erarbeitete Regelwerk für alle an der Bewerbung und der möglichen Ausrichtung beteiligten Organisationen und Personen umfasste die Themenfelder „Integres Verhalten“, „Kontakte/Gespräche/Werbung“, „Einladungen/Besuche“, „Zuwendungen“, „Vertraulichkeit“ und „Kommunikation“. Für den Fall von Verstößen wurde ein Sanktionsverfahren aufgenommen. Dieser Code of Conduct galt im DFB während des gesamten Bewerbungsverfahrens als verbindliche Leitlinie.

NATIONALES AUSWAHLVERFAHREN DER SPIELORTE

Mit Beschluss vom 20. Januar 2017 führte der DFB zunächst ein offenes, transparentes und diskriminierungsfreies nationales Auswahlverfahren zur Ermittlung der zehn Spielorte durch. Mehr als zwei Monate lang bewerteten Expert*innen des DFB in Zusammenarbeit mit externen Fachleuten verschiedener Bereiche und Disziplinen die Unterlagen der Bewerber – auf Basis eines mit Transparency abgestimmten Evaluierungsprozesses. An allen Standorten wurden „Site Visits“ durchgeführt. Schließlich legte das Bewerbungskomitee dem DFB-Präsidium eine Ranking-Matrix vor. Diese enthielt eine Gewichtung der einzelnen Bewertungssektoren, die sich an der UEFA-Wertung für die internationale Bewerbung orientierte. Das DFB-Präsidium folgte dem erarbeiteten Ranking und wählte die zehn Spielorte aus: Berlin, München, Düsseldorf, Stuttgart, Köln, Hamburg, Leipzig, Dortmund, Gelsenkirchen und Frankfurt.

Neben dem verpflichtend einzureichenden Bid Book erstellte der DFB ein Nachhaltigkeitskonzept für das Turnier und übergab seine Bewerbungsunterlagen schließlich am 24. April 2018 an die UEFA.

NACHHALTIGKEITSKONZEPT 2024

Die Erstellung eines Nachhaltigkeitskonzeptes zur UEFA EURO 2024 war dem DFB bereits früh in der Bewerbungsphase ein Anliegen und weit mehr als nur eine Ergänzung. Das Turnier soll trotz aller unumgänglichen Organisationserfordernisse neue Standards setzen, die weit über 2024 hinaus Wirkung in Fußball-Deutschland und insbesondere in den Landesverbänden erzielen. Darüber hinaus möchte der DFB mit der Ausrichtung des Turniers grenzüberschreitende Impulse in den UEFA-Mitgliedsverbänden setzen.

PROJEKTGRUPPE MIT INTERNEN UND EXTERNEN EXPERT*INNEN

Die zuständige DFB-Abteilung „Gesellschaftliche Verantwortung“ gründete die Projektgruppe „Nachhaltige EURO 2024“ gemeinsam mit Vertreter*innen der DFB-Kommission Gesellschaftliche Verantwortung, Expert*innen des Öko-Instituts und von Transparency International Deutschland. Die Projektgruppe bezog eine Vielzahl relevanter Stakeholder aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen mit ein. Zudem gründete der DFB verschiedene Arbeitsgruppen, unter anderem in den Bereichen Menschenrechte und Umweltschutz.

Drei übergeordnete Ziele für die Organisation der UEFA EURO 2024 lagen der Erarbeitung des Nachhaltigkeitskonzeptes zugrunde:
• nachhaltige Turnierorganisation
• die EURO als Motor der Fußballentwicklung in Deutschland
• die EURO als Ort der Begegnung und ein Fest in Europa

Für alle drei Ebenen sind im Nachhaltigkeitskonzept Ziele formuliert. Außerdem sind 24 konkrete Leuchtturmprojekte enthalten, die nach Zuschlag zur EURO-Ausrichtung schrittweise und in Abstimmung mit der UEFA gemeinsam umgesetzt werden und einem transparenten Monitoring und Controlling-Prozess unterliegen sollen. Den Rahmen für das Gesamtkonzept und die Leuchtturmprojekte bilden die „Sustainable Development Goals“ (SDGs) der Vereinten Nationen.

INTENSIVER STAKEHOLDERDIALOG

Ein entscheidender Faktor auf dem Weg zu diesen Zielen und bei der Erstellung des Nachhaltigkeitskonzeptes war die Identifikation aller relevanten Themen in der Gesellschaft. Am 23. Oktober 2017 führte der DFB deshalb in Frankfurt einen großen Stakeholderdialog durch. Mehr als 80 Vertreter*innen von Organisationen aus Sport, Nichtregierungsorganisationen, Kommunen, Bundesministerien, Wirtschaft, Kirche, gemeinnützigen Stiftungen und der Wissenschaft nahmen an dem Dialog teil.

In intensiven Diskussionen sammelten die Teilnehmenden verschiedene Ideen und identifizierten inhaltliche Leuchttürme. Die Ergebnisse des Dialogs hielt der DFB in einer Dokumentation fest. Am 23. und 24. November 2017 entwickelten die Vertreter*innen der Landesverbände die Ergebnisse des Stakeholderdialogs bei der Jahreskonferenz Gesellschaftliche Verantwortung in Barsinghausen weiter. Schlussendlich wurden für das Nachhaltigkeitskonzept acht Handlungsfelder mit 24 Leuchtturmprojekten herausgearbeitet:

1. Jugend

2. Fans

3. Digitale Innovation

4. Vielfalt

5. Menschenrechte

6. Umwelt

7. Gesundheit

8. Fair Play


Diese Handlungsfelder sollen vor, während und nach dem Turnier eine nachhaltige Wirkung entfalten. Sie haben – teilweise thematisch über den Fußball hinaus – direkten Einfluss auf die Gesellschaft und sollen den Zusammenhalt stärken. Eine besondere Bedeutung kommt dem Thema Vielfalt zu. So soll Diskriminierung möglichst präventiv bearbeitet und populistischen – auch rechtsextremen – Tendenzen in Europa entschieden entgegengetreten werden. Zudem ist es das Ziel, insbesondere die Jugend und somit zukünftige Generationen mit den verschiedenen Leuchtturmprojekten anzusprechen und über den Fußball für eine bewusstere Lebensweise zu sensibilisieren.

Der DFB arbeitet auch bei der Umsetzung des Nachhaltigkeitskonzeptes weiter mit den Stakeholdern zusammen und setzt den Dialog zur Planung fort. Zudem wurde in der Bewerbungsphase die Idee des Stakeholderdialogs direkt in die Bewerberstädte getragen. Eine Initiative verschiedenster Stakeholder wie Transparency International Deutschland, Makkabi Deutschland, terre des hommes oder das Bündnis Aktiver Fußballfans BAFF unterzeichnete die „Rahmenerklärung Zivilgesellschaft“, die sich für Menschenrechte, Vielfalt sowie die Transparenz der Bewerbung einsetzte und einen Dialog relevanter Gruppen in den Bewerberstädten vorschlug. Der DFB hat den Aufruf dieser Initiative an die Host Cities unterstützt und darüber hinaus zu – in Eigenregie durchzuführenden – Dialogformaten mit lokalen Stakeholdern aufgerufen. Die Initiative machte den Bewerberstädten ein Angebot zur Unterstützung der Dialoge und stellte Projektskizzen zur Verfügung.

Zur Organisation und Umsetzung der UEFA EURO 2024 gründete der DFB im Juni 2019 die DFB EURO GmbH mit den beiden Geschäftsführern Markus Stenger und Philipp Lahm. DFB-Ehrenspielführer Lahm zeichnet für den Bereich Nachhaltigkeit verantwortlich und erfährt unter anderem von der DFB-Integrationsbotschafterin Celia Šašić als Special Advisor prominente Unterstützung. Die Weichen für eine nachhaltige EURO 2024 wurden damit gestellt. In enger Abstimmung mit der UEFA und den zehn Ausrichterstädten arbeitet der DFB nun an der weiteren Konkretisierung und Umsetzung der Projekte und schafft die entsprechenden Prozesse und Strukturen.