3. Die UEFA EUR0 2024

„UNITED BY FOOTBALL. VEREINT IM HERZEN EUROPAS“ lautet das Motto der UEFA EURO 2024 in Deutschland, für deren Ausrichtung der DFB auch dank eines überzeugenden Nachhaltigkeitskonzeptes den Zuschlag erhielt. Der gesamte Prozess stand unter den Maßgaben Transparenz und Teilhabe. Ein mit Transparency International erarbeiteter Verhaltenskodex galt als verbindliche Leitlinie während des Verfahrens. Im Mittelpunkt des Turniers sollen gemeinsame europäische Werte wie Freiheit, Gleichheit und die Wahrung der Menschenrechte stehen. Die EURO 2024 als Fest der Begegnung.


INTERVIEW MIT PHILIPP LAHM

Herr Lahm, Nachhaltigkeit war eines der zentralen Motive der deutschen Bewerbung um die UEFA EURO 2024. Wie nachhaltig ist Ihre Freude darüber, dass der DFB den Zuschlag als Ausrichter bekommen hat?
Wenn Sie meinen, ob ich mich noch immer über die Entscheidung der UEFA freue – ja, das tue ich. Gleichzeitig beginnt ein gewisses Kribbeln, weil wir gerade dabei sind, mit der Umsetzung zu beginnen. Auf uns wartet eine riesengroße Aufgabe.

Die deutsche Bewerbung hat gerade mit dem umfassenden Nachhaltigkeitskonzept, das Ihnen besonders am Herzen liegt, punkten und sich vom Mitbewerber abgrenzen können. Wie stolz macht es Sie, dass Nachhaltigkeit mittlerweile ein Aspekt ist, der bei der Vergabe von sportlichen Groß-ereignissen eine zentrale Rolle spielt, nicht nur im Bewerbungsprozess, sondern vor allem auch in der öffentlichen Wahrnehmung?
Sie sagen es selbst: Nachhaltigkeit liegt mir persönlich besonders am Herzen. Sowohl bei den Aktivitäten meiner Stiftung wie auch meiner Unternehmen. Entsprechend stolz bin ich, dass wir mit der EURO 2024 eine moderne Großveranstaltung planen, für die Nachhaltigkeit nicht nur ein Nebeneffekt, sondern ein Leitmotiv ist. Aber ich bin nicht nur stolz. Unser ehrgeiziges Nachhaltigkeitskonzept ist zugleich auch Herausforderung – und Verpflichtung.

Der DFB hat für die Erarbeitung des Nachhaltigkeitskonzepts einen partizipativen Ansatz gewählt. Wie bedeutend war es, dafür zahlreiche verschiedene gesellschaftliche Akteure zusammenzubringen? Und wie wichtig wird dieses Zusammenwirken nun bei der Umsetzung der Maßnahmen aus dem Nachhaltigkeitskonzept?
Nachhaltigkeit kann man nicht einfach von oben verordnen. Für eine Großveranstaltung wie die EURO 2024 braucht es zwingend die Zusammenarbeit von Akteuren aus den unterschiedlichsten Bereichen unserer Gesellschaft. Wir müssen die richtigen Leute ins Boot holen, sehr genau zuhören, dann kluge Entscheidungen treffen und mit aller Konsequenz gemeinsam an deren Umsetzung arbeiten. Niemand wird uns verzeihen, wenn wir faule Kompromisse eingehen und die Chance, die diese EM für Deutschland darstellt, ungenützt lassen.

Warum war die Entscheidung der UEFA am 27. September 2018 genau die richtige?
Aus der Sicht der UEFA würde ich sagen: Weil Deutschland ein sicheres und stabiles Land in der Mitte Europas ist. Weil wir schon mehr als einmal gezeigt haben, dass wir Großveranstaltungen zeitgemäß organisieren können. Aus meiner Sicht möchte ich hinzufügen: Weil wir in der Lage sind, unserer Gesellschaft mit Fußball etwas zu geben, was sie dringend braucht: eine Demonstration in Fair Play, Transparenz und Teamgeist. Dafür stehen wir, dafür stehe ich. Wir müssen den Fans beweisen, dass wir – wie sie – die Wurzeln und Werte dieses Sports lieben, leben und respektieren.

Wenn Sie, wie der deutsche Film im Rahmen der Final Presentation in der UEFA-Zentrale in Nyon, einen Blick in die Zukunft werfen: Was für ein Turnier wird die EURO 2024?
Unser Trick bei der Präsentation vor den ExKo-Mitgliedern bestand ja darin, zuerst das EM-Finale 2024 zu zeigen und die Geschichte von da zurückzuerzählen. Jetzt müssen wir es andersrum machen. Wenn wir Schritt für Schritt umsetzen, was wir uns vorgenommen haben, wird am Ende ein großes Fußballfest stehen. Für junge und alte Fans. Für Menschen jeder Herkunft, jeder Abstammung und jedes Milieus. Ein Fest, das keine Fragen offenlässt.

Wie können Deutschland und Europa nachhaltig von dieser Europameisterschaft profitieren?
Auf vielerlei Weise. Wir können mit dieser EM beweisen, dass der Fußball die Kraft hat, Menschen aus allen Ländern und Schichten zusammenzubringen – in Fairness und Respekt voreinander. Wir können mit der EM  etwas herstellen, was unser Innenminister Horst Seehofer „europäischen Zusammenhalt“ genannt hat – eine positive Stimmung, die tief in die Bevölkerung Deutschlands, aber auch unserer europäischen Nachbarn hineinwirkt. Wir können Deutschland als jenes weltoffene, moderne und freiheitsliebende Land präsentieren, wie ich es mein ganzes Leben wahrgenommen habe. Und wir können nicht zuletzt den Beweis antreten, dass es möglich ist, eine Großveranstaltung ohne Skandale und Undurchsichtigkeiten durchzuführen. Wir müssen der Bevölkerung den Glauben daran zurückgeben, dass Großevents allen nützen und nicht nur einigen wenigen.

In Europa sind mancherorts wieder nationalistische Töne lauter zu vernehmen. Solche gesellschaftlichen Entwicklungen spiegeln sich manches Mal auch in den Fußballstadien. Welche Bedeutung und welche Verantwortung erwachsen daraus dem Fußball und seinen großen Turnieren sowie seinen Akteuren?
Zuallererst hat der Fußball eine mächtige, verbindende Kraft. Diese Kraft betrachte ich als wirksames Gegengift zu den nationalistischen Tönen, die Sie da ansprechen: Die Freude am Sport, am Können der Stars. Die Spannung, wenn im Stadion das Flutlicht angeht und die Hymnen gespielt werden. Die Emotionen, wenn am Rasen etwas Außergewöhnliches gelingt. Die Befreiung, wenn das ersehnte Tor fällt. Die Selbstverständlichkeit, auch als unterlegener Spieler dem Gegner zum Sieg zu gratulieren. Genau da müssen wir ansetzen: Bei der verbindenden Kraft des Fußballs. Dass wir darüber hinaus alle möglichen Störfaktoren im Auge behalten müssen, versteht sich von selbst.

Welche Spuren soll die EURO 2024 hinterlassen? Wie sollen sich Menschen später einmal an dieses Turnier zurückerinnern?
Ich würde mir wünschen, dass man sich an drei wesentliche Dinge erinnert. Erstens: An eine EM, die der Motor für viele Projekte war, die es sonst nicht gegeben hätte – infrastrukturmäßig, sozial und kulturell. Zweitens: An ein heiteres Fest, das die Werte repräsentiert, die der Fußball im besten Fall verkörpert: Fairness, Leistung, Transparenz. Und drittens, wenn ich mir schon etwas wünschen darf: Als EM, bei der eine begeisternde deutsche Nationalmannschaft Europameister wurde.