„VOLKSTHEATER MEETS VOLKSSPORT“

Jürgen Zielinski ist Regisseur, seit 2002 Intendant des Theaters der Jungen Welt Leipzig und einer der renommiertesten Kinder- und Jugendtheatermacher Deutschlands. Gefördert durch die DFB-Kulturstiftung hat er das Stück „Juller“ inszeniert und auf Deutschlandtournee gebracht. Es zeichnet das Leben des deutsch-jüdischen Fußball-Nationalspielers Julius Hirsch nach.


Wie oft hören Sie einen Kommentar wie: Was hat denn Kultur mit Fußball zu tun?
Spielkultur gibt es sowohl im Theater als auch auf dem grünen Rasen! Mein Theater soll Volkstheater verkörpern und so habe ich es auch für „Juller“ immer im Vorfeld formuliert: „Volkstheater meets Volkssport“. Und das Schöne ist: Es hat geklappt! Es sind Zuschauer ins Theater gekommen, die sonst nicht hineingehen, und auch viele Fußballfans – sowohl bei den Leipziger Vorstellungen als auch bei den vielen Gastspielen in den Bundesliga-Städten!

Hatten Sie persönlich schon vor der Arbeit an „Juller“ Kontakt zum Fußball?
Oh ja, wo soll ich da anfangen … Als kleiner Junge hatte mich mein Vater schon mit ins Stadion Rote Erde nach Dortmund zum BVB mitgenommen, auf dessen Schultern sitzend. Später dann Linksaußen in der Jugendmannschaft des SSV Hacheney. Ich war sogar Torschützenkönig in einer Saison. Als Dramaturg bei den Städtischen Bühnen Dortmund habe ich aus Werbezwecken eine Ballspende für mein Jugendtheater-Stück „Kein Bock auf nix“ organisiert. Das Stück sahen damals auch Reinhard Rauball und Lothar Huber! Also insgesamt eine richtige Fußball-Vita …

Wie kam es zu der Idee, das Leben von Julius Hirsch auf die Bühne zu bringen?
Nach unserer erfolgreichen Produktion zum Thema Burn-out am Beispiel des Fußballprofisports „Aus der Traum!“, die für Gastspiele von der DFB-Kulturstiftung und der Robert-Enke-Stiftung gefördert wurde, sprach mich Olliver Tietz, der Geschäftsführer der Kulturstiftung, an, ob ich Interesse hätte, mich der Hirsch-Biografie theatral zu widmen. Dann dauerte es eine Zeit, bis wir das Projekt in Angriff nehmen konnten – auch, um einen passenden Autor zu suchen, den wir in Jörg Menke-Peitzmeyer gefunden haben.

Die DFB-Kulturstiftung ist einer der Förderer des Stückes. Wie genau hat sich die Stiftung eingebracht und wie lief die Zusammenarbeit?
Sie hat unter anderem den Kontakt zu den übrigen Förderern und zu Familie Hirsch in Karlsruhe hergestellt und moderiert. Viel Unterstützung gab es auch im Hinblick auf Fangruppen-Kontakte in den jeweiligen Gastspielorten und die Kommunikation mit den dortigen Vereinen. Auch in Leipzig war Olliver Tietz mehrfach präsent. Die Idee, die Gastspielreihe im Deutschen Fußballmuseum Dortmund zu starten, stammt ebenfalls von der Stiftung. Was schön war: Ist ja meine Heimatstadt!

Sie sind mit „Juller“ auf Tournee durch zehn Bundesliga-Städte gegangen. Waren die Reaktionen auf das Stück überall ähnlich?
Im Grunde genommen ja. Das Stück ging vielen Zuschauern und Zuschauerinnen emotional sehr nah, es gab auch Standing Ovations. Die fast immer im Anschluss stattfindenden Diskussionen, an denen oft Vereinsvertreter teilnahmen, verliefen ähnlich intensiv.

Inwieweit nehmen Sie in „Juller“ Bezug auf aktuelle Probleme, die Fußball mit Gewalt, Rassismus oder eben Antisemitismus hat?
Mit Blick auf wiederholte Übergriffe in und im Umfeld der Stadien, was Antisemitismus, Homophobie etc. betrifft, wird mit „Juller“ ständig von damals aufs Heute Bezug genommen. Auch der Autor stellt zeitübergreifende Vergleiche her.

Die Aufführungen werden durch Workshops für Schüler*innen auch pädagogisch intensiv begleitet. Wie reagieren die jungen Menschen auf das Stück?
Mit großer Offenheit. In den Vorstellungen selbst haben wir eigentlich von Jugendlichen immer intensive Reaktionen bekommen. Um das über den Theaterbesuch hinaus zu begleiten, gibt es die theaterpädagogische Aktions-Sporttasche, die wir mit Unterstützung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ entwickelt haben. Entstanden ist ein Kaleidoskop von Workshops – z. B. im BVB-Lernzentrum Dortmund –, die aus der Sporttasche heraus mit Fußballutensilien wie Trikot, Schiripfeife oder Fußball gestaltet werden können. Thematisch geht das dann über die Biografie von Julius Hirsch auch hinaus. Da werden Zeitthemen von Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie bearbeitet – also auch hier der Brückenschlag vom Historischen ins Heute.