6.8 FANBELANGE: EINFACH DA SEIN

Fußball fasziniert Jung und Alt. Profi-Vereine haben eine große Strahlkraft in ihren Städten und im Umland, die viele in sozialpädagogischen Projekten nutzen, um Jugendliche zu erreichen. So auch bei Preußen Münster.



Wer wissen will, was Fanarbeit bedeutet, steht plötzlich in einer alten Umkleidekabine. An den Wänden hängen noch die Duscharmaturen, die Fliesen sind original Nasszelle. Doch umziehen müssen sich die Jugendspieler von Preußen Münster hier längst nicht mehr. Stattdessen gibt es Tische, Stühle, Sofas, einen Tischkicker, eine selbst gezimmerte Theke und eine Kaffeemaschine.

Und es gibt Edo Schmidt und seine Kolleg*innen vom FANport Münster. Das sozialpädagogische Fanprojekt macht „klassisch Streetwork“, wie Schmidt sagt. Seit 2011 sind sie in einer Art alten Baracke direkt am Stadion für Preußen-Fans da, für die jungen Menschen, die sich irgendwie im Umfeld des Drittligisten und des Fußballs in der Stadt bewegen, für Flüchtlinge und alle, die einfach mal ein offenes Ohr brauchen.

DIE DUSCHEN? BLIEBEN ERST MAL HÄNGEN

Soziologe Schmidt war irgendwann auch mal ein echter Fan von Preußen. Heute begleitet er den Klub und seine Fans aus beruflicher Perspektive. Dabei brauchte es seine Zeit, bis der vereinsunabhängige FANport von allen Seiten akzeptiert wurde. „Die Fans mussten erst mal verstehen, dass wir anwaltlich für sie unterwegs sind. Wir sind Vermittler zwischen Fans, Verein und den Sicherheitsinstanzen“, sagt Schmidt. Dass der Verein den unabhängigen Sozialar­beiter*innen anfangs skeptisch gegenüberstand, zeigen die Duschen: „Der Verein hat sich gedacht: Die lassen wir erst mal hängen, falls es später doch wieder Umkleiden werden“, erzählt Schmidt.

Heute funktioniert die Arbeit in der Münsteraner Fanszene mit ihren vielen Konflikten zwischen und mit den Ultras gut. „Niederschwellige Angebote“ mache der FANport und finde damit den Zugang zu den meist jungen Zuschauern. „Beziehungen zu den Fans sind Voraussetzung für unsere Arbeit“, erklärt Schmidt. Bei jedem Heimspiel öffnet der FANport seine Türen, bietet ein reichhaltiges Frühstück an. Auf den Auswärtsfahrten mischen sie sich unter die Fans und kommen so auch in engen Kontakt mit einzelnen Jugendlichen. „Manchmal beginnt ein Gespräch ganz einfach damit, dass ein Fan vielleicht nach einer Kopfschmerztablette fragt“, beschreibt Schmidt. Die Fansozialarbeit ist auch beteiligt an den Sicherheitsbesprechungen an Spieltagen. Sie sitzt in der Stadionverbotskommission und arbeitet in Gremien der Jugendhilfe in der Stadt. Organisiert werden auch Auswärtsfahrten für minderjährige Fans oder Fußballturniere für Fans. Für Schmidt ist all die Arbeit ein „Demokratieprojekt“. Münster sei zwar sicher kein „Problemstandort“, was Rechtsextremismus angeht. „Aber das rechtspopulistische Gift greift auch hier um sich“, meint Schmidt: „Da müssen wir gegensteuern. Deshalb müssen wir mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen.“ Der FANport schult auch den Ordnungsdienst im Preußenstadion, um rechtsextremistische Symbole identifizieren und entsprechend reagieren zu können.

ZUSAMMENARBEIT MIT FLÜCHTLINGSBERATUNG

Für ein besseres Miteinander und zur Integration von jungen Geflüchteten startete der FANport das Projekt „Aktiv ankommen in Münster“, das sich zu einem Treffpunkt für junge Flüchtlinge entwickelt hat. Zweimal die Woche kicken die jungen Männer gemeinsam in einer Soccer-Halle und bekommen quasi nebenbei Gelegenheit, die Mitarbeiter*innen des FANport um Hilfe zu fragen. Einige der Jugendlichen spielen inzwischen in Münsteraner Vereinen Fußball. Außerdem hat der FANport die Zusammenarbeit mit der Flüchtlingsberatung intensiviert und leistet somit wertvolle Integrationsarbeit.

In der Fan-Anlaufstelle führt Edo Schmidt schließlich noch in sein viel zu enges Büro, das er sich eigentlich mit zwei Kolleg*innen teilt und das fast aus allen Nähten platzt. Fanarbeit? Funktioniert nur mit viel Herzblut und Enthusiasmus. Und am nächsten Tag muss Edo Schmidt dann auch schon wieder los. Preußen Münster reist zum letzten Saisonspiel nach Zwickau. „Ananas-Spiel“ haben sie das Ganze getauft. Für beide Mannschaften geht es um nichts mehr. Aber Edo Schmidt und seine Kolleg*innen werden trotzdem da sein. Die Fans sind es ja auch.